Nah & fern

Vergnügliches zu viert

Es wurde ein schöner Abend. Alain Gambette, ein befreundeter Maler, war zusammen mit seiner Gattin Sabine zum Hirschrückenfilet, Knödeln und Wurzelgemüse eingeladen. Er hat uns mit der Fotografie eines noch sehr "frischen", hinsichtlich des Stils für ihn eher ungewöhnlichen Gemäldes überrascht:  Happy Hour, Acryl auf Leinwand, 40 cm x 60 cm. Wer mehr von Alain kennenlernen will, kann sich unter der E.Mail-Adresse  a.gambette@gmx.de an ihn wenden.

Neuseeland: Schreiberlinge und Köche

Seit vielen Jahren ein Reisewunsch, bis heute nicht geschafft: Neuseeland. Zum Glück bringt die regelmäßige Korrspondenz mit einer dort lebenden ehemaligen LZ-Kollegin immer wieder etwas "Down under" in die eigene Stube. Das Neueste will ich den leidenschaftlichen Köchen und guten Essern unter Euch nicht vorenthalten. Die Green Bay Creative Writers porträtieren in einem eigenen Projekt Kochkünstlerinnen und Kochkünstler. Hier die ersten beiden Texte von Doris: https://whaufoodstories.org/

Wer sich bei Silvias Boerenkool-Rezept an eine oberhessische Wurstspezialität oder an Wintermonate im niederdeutschen Tiefland inklusive Nordseeküste erinnert fühlt, dürfte geschmacklich nicht ganz falsch liegen. Guten Appetit!

Fundstück: Ausflug nach Marburg

Die alte Stadt M… liegt, von Nauheim mit einem guten Zug in fünfzig Minuten zu erreichen, auf einer großen Basaltkuppe, um deren Flanken sich eine Straße dreifach wie ein Schal hinaufwindet. Auf dem Gipfel steht ein Schloss – kein breitangelegtes Schloss wie Windsor, sondern ein Schloss, das ganz aus schieferbedeckten Giebeldächern und Turmspitzen mit goldenen, kühn blitzenden Wetterhähnen besteht –, das Schloss der heiligen Elisabeth, Landgräfin von Thüringen. Die Stadt hat den Nachteil, dass sie in Preußen liegt, und es ist immer unangenehm, in dieses Land zu fahren; aber sie ist sehr alt und hat viele zweitürmige Kirchen und ragt wie eine Pyramide aus dem grünen Tal der Lahn. Ich glaube nicht, dass die Ashburnhams besonders gern dorthin gingen, mir selber lag auch nicht sonderlich daran. Aber, Sie verstehen, es wurden keine Einwände gemacht. Es gehörte zur Kur, dass man drei- oder viermal in der Woche einen Ausflug machte, und wir alle waren Florence einmütig dankbar, dass sie den Anstoß dazu gab. (…)

Es ist ein Vergnügen, das prächtige Bild einer solchen Stadt mit ihrem spitzigen Schloss und den vielen zweitürmigen Kirchen an sich vorbeiziehen zu lasse. Wenn die Sonne scheint, blinkt es von dort herüber – die Fensterscheiben, die vergoldeten Apothekerschilder, die Wappen der Studentenkorps hoch auf dem Berg und die Helme der komischen kleinen Soldaten, die ihre steifen Beinchen in weißen Leinenhosen bewegen. Und es war ein Vergnügen, in dem großen, prächtigen preußischen Bahnhof mit den gehämmerten Bronzeornamenten und den Wandmalereien, auf denen Bauern und Blumen und Kühe zu sehen waren, auszusteigen; und zu hören, wie Florence energisch mit dem Kutscher einer altertümlichen Droschke mit zwei mageren Pferden feilschte. Natürlich sprach ich viel korrekter Deutsch als Florence, wenn ich mich auch nie ganz von dem Akzent des Pennsylvania-Duitsch meiner Kindheit frei machen konnte. Jedenfalls fuhren wir wie im Triumph für fünf Mark ohne jedes Trinkgeld bis zum Schloss hinauf.

Ford Madox Ford: Die allertraurigste Geschichte, Diogenes 2018 (Original: The Good Soldier / The Saddest Story, 1915)


Echt langweilig: Immer wieder  Langeoog

Autofrei, nicht überfüllt, langer Strand (auch für Hunde). Sich gut entwickelnde Gastronomie. Freundliche Menschen ("Moin!"). Wer im Winter einmal auf Langeoog war, fährt wieder hin. Aus dem Rhein-Main-Gebiet in fünf bis sechs Autostunden zu erreichen. Großparkplätze und Fähre in Bensersiel. Ab Hafen Langeoog mit der Bimmelbahn oder zu Fuß (30 min) in das  Dorf. Der östliche Teil der Insel ist unbebaut (bis auf die Meierei am Ostende).

Langeweile, die entschleunigt, entspannt und wohl tut. Spaziergänge am Strand, Radtouren mit oder ohne Hund, aber immer gegen den Wind. Morgens um halb acht scheinen noch alle zu schlafen, zwölf Stunden später endet vielerorts der Tag. Im Tagesablauf stellt sich unter diesen Bedingungen schnell Routine ein.

Die Gastronomie ist im Wandel: Alteingesessene Kneipen haben den Pächter gewechselt; die einen sind Absteiger, andere heben das Niveau. Unser unangefochtener Favorit: der Seekrug. Sehr gut, abwechslungsreich, regionale Lieferanten und Bioprodukte. Auch gute Weine und hervorragenden Sherry. Freundliches und entgegenkommendes Personal. Hat seinen Preis, und frühzeitige Reservierung ist sehr zu empfehlen. Auf dem zweiten Platz: Die Alte Post (ehemals Kupferpfanne); auf dem dritten: das Blied. Neu entdeckt: die Bunt Kuh.

Uns hat schon immer gewundert, dass diese Insel (Natur- und Vogelschutz wird großgeschrieben) in der Silvesternacht mit voller Kraft voraus böllert. Diesmal hat die Gemeinde (mit neuer Bürgermeisterin) dazu aufgerufen, Feuerwerk zu unterlassen, in den drei (Edeka-)Läden der Insel gab es keinen Verkauf von Böller und Raketen. Ergebnis: Beschuss geschätzt auf 60% reduziert. Mal sehen, ob der private Munitionsimport durch die Inselgäste zum  Jahreswechsel 2020/21 zurückgeht. 

Die Debatte um den Tourismus der Zukunft hat  auch die ostfriesischen Inseln erfasst. Wieviele und welche Gäste wünscht man sich? Was kann die Gemeinde, was können Private (Hotels, Ferienhäuser, Läden, Gastronomie, Dienstleister usw.) anbieten? Wir haben über die Jahre manche Kneipe und manchen Laden verschwinden sehen. Das teils marode Kurzentrum mausert sich zur Dauerbaustelle. Andererseits: Der Fähranleger wird erweitert und modernisiert. Ehrlich gesagt: Im Sommer würden wir nicht zu den Abertausenden Touristen gehören wollen. Bei rund 1.800 Einwohnern zählt die Insel übers Jahr mehr als 220.000 Gäste, wobei die Wintermonate einen äußerst geringen Anteil dazu beitragen.

Ein sehr ernstes Problem für die Insulaner, über das auch immer offener gesprochen wird: Es wird gebaut, aber Einheimische finden (wie auf Sylt und anderswo) nur sehr schwer und nur überteuerten Wohnraum!   


Neuseeland: Eine Anthologie

Doris Evans, eine seit vielen Jahren in Auckland lebende ehemalige Kollegin, mit der ich mich auch über das Schreiben austausche, hat mir eine 141 Seiten dicke Anthologie geschickt: Cutting Through (ISBN 9780473483623; NZD 15,00).

Fünfzig Autorinnen und Autoren aus den Schreibwerkstätten und Netzwerken Green Bay Writers, Titirangi Poets und Waitakere Writers haben sich erstmals zusammengetan und (zum Teil sehr kurze) Short Stories und Gedichte zu diesem Sammelband beigesteuert. Vielfalt ist dabei Trumpf – was die Themen und den Schreibstil betrifft. Auch deshalb: Empfehlung!


Fundstück: Aus aktuellen Gründen

... "In Erbach hawwe koa Judde gewohnt, de Graf hott des net gewollt." Das wusste jeder Erbacher, und jeder, der nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Erbach heimisch wurde, lernte es. (...) Vor dem Einmarsch der Amerikaner am 29. März 1945 sollten die Akten aus der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft verschwinden. Um so viele papierne Zeugen wie möglich in Rauch aufgehen zu lassen, brannten in Erbach große Feuer im Rathaus, im Hof der Kreisleitung und beim Landratsamt ...

(Brigitte Diersch, Das kurze Leben der Doris Katz, Kreisausschuss des Odenwaldkreises – Kreisarchiv, Erbach 2010)