Kritik: Vom Nachttisch geräumt

Das Brutale im Alltäglichen und die Suche nach Identität

Deniz Ohde fordert mit ihrem Roman Streulicht (Suhrkamp 2020) viel von ihren Leserinnen und Lesern. Im Kleinen erlebt die Ich-Erzählerin das Große. Und Ohde erzählt mit Kleinem vom Großen. Leserin und Leser sollten vermeiden, den großen Knall zu suchen. Ausgrenzung, ja Rassismus, Schweigen und Erschrecken, ein unbändiger Wissensdurst und Scham, Kraftlosigkeit und Mut... Mir fielen noch mehr Begriffe als Signalwörter ein, die Reihe bliebe wohl trotzdem unvollständig.

Streulicht hat mich wie kaum eine andere Lektüre der letzten Jahre unter Druck gesetzt: dranzubleiben, die Perspektive und Sprache zu begreifen, die sich aufbäumende Lebensgier zu begleiten, gegen vermeintliche Aussichtslosigkeit und Unveränderbarkeit zu verteidigen. Und immer wieder: die alltägliche, flüchtige, ja banale Diskriminierung und Ausgrenzung in ihrer tiefen Bedeutung und nachhaltigen Wirkung zu verstehen.

Ein Mädchen, aufwachsend im von einem Industriepark geprägten Frankfurter Westen. Der Nachname deutsch, der hierzulande weit verbreitete Vorname in ungewöhnlicher Schreibweise. Der Vater deutscher Arbeiter, er neigt zum Alkohol, auch zu Gewalttätigkeiten und zum Sich-Vergraben in festgezurrten Abhängigkeiten, altem Gerümpel und Trostlosigkeit. Die Mutter wurde in der Türkei geboren und ist mit ihren Träumen schon vor vielen Jahren in der Enge des erodierenden alten Industrieproletariats gestrandet. Sie bleibt für die Erzählerin eine Mutmacherin; das stärkste Argument der Mutter: „Du bist Deutsche.“

Ohde beschreibt und beschreibt und beschreibt. Die spröde, ja düstere Sprache Ohdes ist gewöhnungsbedürftig. Unzählige Details, Wohnung, Haus, Nachbarschaft, Straße, Viertel, Schule, Freund und Freundin, die Stadt…, familiäre Abgründe, das Scheitern an Ansprüchen und Codes, das zaghafte Entschlüsseln des Festgezurrten und immer wieder Unverständnis. Nur über das buchstäblich Alltägliche gewinnt die Geschichte über Herkunft, Scham, Ausbruch und Aufstieg an Dynamik.

Ein fulminantes Debüt, außergewöhnlicher Lesestoff, harte Kost. Sehr zu empfehlen.

Seltsame Normalitäten und die Frage der Schuld

Claudia Piñeiro bietet mit Wer nicht? (Unionsverlag 2020; Original: Quién no, 2018) ein breites Spektrum sehr kurzer und längerer Geschichten. Abrupte Wendungen, offene Fragen, jähe Entscheidungen, dramatische Verläufe. Es fließt Blut, es fließen Tränen. Sonnige Tage, dunkle Geheimnisse, bitteres Eingeständnis. Die sechzehn sehr unterschiedlichen Erzählungen hinterlassen von Fall zu Fall ein Schmunzeln, Erstaunen, Beklemmung. Mancher Text der Autorin, deren Protagonisten überwiegend der Mittelschicht des modernen Argentinien entstammen, kommt daher wie eine Skizze, andere sind dicht, auserzählt, benötigen kein weiteres Wort. Seltsame Normalität(en) auch in der Form.

Nahezu klassischer Stoff: Der plötzliche Tod eines Mannes, der ein Doppelleben geführt hat (Zwei Koffer), oder der Zufall, der zwei von ihren Ehen bzw. Familien überforderte Männer gerade jetzt und hier zusammenführt (Bei Papa). Scheinbar pädagogisch und damit – so die Befürchtung – langweilig: Mariano Obornos Mutter; doch Piñeiro konfrontiert einen Jungen mit zweierlei: Mit dem Aufruhr, den sein unbedachtes "Hurensohn" gegenüber einem Kameraden verursacht, und mit der leibhaftigen Begegnung mit dessen Mutter, die ihm als schöne Hure gegenübertritt. Eine ebenfalls sehr überraschende Wendung nimmt die Erzählung Kurzzeitvermietung, in der Schmerzensschreie anderen Ursprungs sind als vermutet. Opfer und Täter, Kinderaugen und Terror. Um Schuld, Schuldgefühle und die Erlösung davon geht es in Blaue Augen hinter der Gardine – meine Lieblingsgeschichte in  diesem empfehlenswerten Band der argentinischen Autorin.

Deutlich weniger Überraschungen bietet der jüngste Band von Bernhard Schlink. Gewohnt routiniert erzählt er in Abschiedsfarben (Diogenes 2020) von Schuld und Vergangenheit, von zurückliegenden Lebensjahren alt gewordener Männer. Schlink hat bekanntermaßen keine Scheu, sich eingeübter Klischees zu bedienen (nicht zuletzt hinsichtlich der Frauenfiguren), er erzählt unangestrengt, seine Geschichten kommen – trotz mancher dramatischen Verfehlung oder Erlebnisse seines Personals  –  allesamt ruhig daher. Sie sind leicht zu lesen, bereiten überwiegend  Lesevergnügen.

Unter den neun Geschichten ragen für mich drei heraus. Ein DDR-Wissenschaftler verrät seinen Freund, um dessen Karriere und Lebensglück sowie den wissenschaftlich-technischen Fortschritt zu befördern (Künstliche Intelligenz). Die Urlaubswochen eines Heranwachsenden mit seiner Mutter (Der Sommer auf der Insel) bringen dem Elfjährigen nicht nur erste Fummeleien mit etwa gleichaltrigen Mädchen, sondern auch die (schockierende) Erfahrung, dass die Mutter als begehrenswerte Frau (und nicht nur als geschlechtsloses Wesen) wahrgenommen wird und lebt. Schließlich Geschwistermusik, eine mehrfach komplizierte Dreiecksbeziehung in Jugendjahren, die nach Jahrzehnten von Susanne und Philip verschieden erzählt und beendet wird.

Gleich zweimal: Im Gefängnis

Zwei Romane, zwei Männer, beide im Gefängnis. In den 1950er Jahren, am Ende der Nullerjahre unseres Jahrhunderts. In Algier, in Montreal. Verurteilt als Bombenleger, in Haft wegen Körperverletzung. Gestorben unter der Guillotine, entlassen nach zwei Jahren. Fernand Iveton, Paul Hansen.

Es war reiner Zufall, dass ich auf die beiden Romane etwa zur selben Zeit aufmerksam geworden bin und sie dann kürzlich nacheinander gelesen habe. Eine bedrückende, anregende, aber auch vergnügliche Lektüre.

Joseph Andras erzählt in Die Wunden unserer Brüder (Carl Hanser Verlag 2017; Original: De nos frères blessés, 2016) von Fernand Iverton, einem jungen Algerienfranzosen, der (tatsächlich!) sich der entstehenden algerischen Befreiungsbewegung anschließt, im November 1956 einen Bombenanschlag (der keine Menschenopfer kosten soll und sowieso vor der Detonation auffliegt) plant, gefasst und verhaftet und drangsaliert und gefoltert wird. Im Februar 1957 rollt sein Kopf unter dem Fallbeil.

Jean-Paul Dubois berichtet von einem ebenfalls teils sehr dramatischen, wenngleich nicht tödlich endenden Lebensabschnitt. Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise (dtv 2020; Original: Tous les hommes n’habitent pas le monde de la même façon, 2019) erzählt von Paul Hansen, einem Frankokanadier, geboren in Frankreich als Sohn einer Kino-verrückten Französin und eines protestantischen Pastors dänischer Herkunft.

Andras und Dubois inszenieren je auf ihre Weise ein Kammerspiel. Der Schauplatz: die Gefängniszelle. Die Erzählzeit: Mehr oder minder nur wenige Wochen. Doch die Geschichten erzählen von zwei ganzen Leben und mehr, von den Wurzeln der Familien, vom Träumen und Scheitern, von der – mir sehr nahegegangenen – Liebe der Protagonisten zu ihren Frauen Hélène (die aus einer polnischen Familie stammt) und Winona (einer Indianerin). Sie präsentieren „nebenbei“ noch skurrile und liebenswerte Nebenfiguren,

Die Romane berichten, warum ein junger Franzose, Arbeiter und Kommunist, sich dem Aufruhr der von der Kolonialmacht unterdrückten Einheimischen anschließt und dafür von Landsleuten bestialisch gequält und schließlich ermordet wird (die todbringende Unterschrift kommt vom Justizminister, dem wirklichen François Mitterand!). Sie berichten von einer verwirrenden Kindheit und Jugend und einem erfüllten Hausmeisterleben in einer Wohnanlage. Von Menschenliebe und Freundlichkeit. Von Würde, die der Folter widersteht, und von verletzter Würde, die sich in Schlägen und einem Biss zu retten versucht.  Sie erzählen unaufgeregt von zwei aufregenden Leben.

Elizabeth Strout: Provinzielles aus Maine und New York

USA. Ostküste. Maine. Irgendwo im Nirgendwo. Eine Kleinstadt. Ein Haus. Ein Familiendrama. Ein Roman, in dem drei (schon sehr erwachsene) Geschwister – zwei Brüder, eine Schwester –, ein Schweinskopf in einer Moschee, Immigranten aus Somalia, Bürger und Amtspersonen, Gesinnungen und Sitten  … und und und … eine Rolle spielen. Dazu der viele Jahre zurückliegende Unfalltod des Vaters der drei Geschwister,

zwei nicht ins provinzielle Tableau passende, nicht passen wollende Frauen (eine hat viel Geld, die zweite setzt auf andere Reize). Ein Bubenstreich, ja oder nein? Afrikaner, die US-Bürger und, viel gravierender, US-Amerikaner werden wollen oder sollen. Ein weiser Mann, der geschäftlich erfolgreich ist, aber viel lieber wieder nach Somalia, notfalls auch in ein Nachbarland am Horn zurückkehren würde, weil vieles ihm das Leben in Shirley Falls sehr schwer macht, Alltägliches, Banales, das nie für Schlagzeilen sorgen wird.

Elizabeth Strout erzählt vom Leben in der provinziellen Enge Maines, öde, langweilig, festgefahren – irgendwo zwischen dem Meer und Kanada. Sie erzählt von Jim, Bob und Susan. Eigentlich von Jim, dem durch einen spektakulären Fall berühmt gewordenen und zuhause gefeierten Anwalt, der jetzt in einer Wirtschaftskanzlei nur noch viel Geld verdient. Eigentlich von Bob, der ebenfalls in Brooklyn lebt, bescheidener, beziehungsloser, eben nur der zweite Junge, dessen gesamtes Leben von einem traumatischen Kindheitserlebnis bestimmt wird. Eigentlich von Susan, zuhause in Maine geblieben, früher die ungeliebte Tochter, heute Mutter eines Neunzehnjährigen, der mit dem erwähnten Schweinskopf Unfug treibt … und die Vordergrund-Geschichte, die Strout erzählt, ins Rollen bringt. Daneben spielt Zach keine Rolle, er schließt sich in sein Zimmer ein, ist sprachlos, sitzt kurz in U-Haft, verschwindet zu seinem Vater nach Europa, kehrt auf den letzten Seiten zurück.

Der Schweinskopf-Skandal – Streich, Ordnungswidrigkeit, rassistisch motiviertes Verbrechen? – legt alte Wunden offen, verursacht immer wieder neue Verletzungen. Die eigentliche Geschichte erzählt von Geschwisterliebe, Hochmut und Hass, Demütigungen, Hoffnungen, Sehnsüchten und mürbe machenden 24-Stunden-Tagen. All dies zur Zeit der aufkommenden Finanzkrise 2007/2008 (was unwesentlich ist).

Elizabeth Strout – bei uns eher bekannt durch ihre ebenfalls in Maine angesiedelten Episoden rund um Olive Kitteridge – ist eine fulminante Erzählerin. Scharfsinnig und amüsant, ihre Figuren und deren Leben sezierend. Das Große findet sie im Kleinen. Sie packt es diesmal auf den Küchentisch in Shirley Falls. Am Ende für meinen Geschmack mit einer Prise zu viel … (aber das verrate ich hier nicht!).

Meine Herbst-Entdeckung. Für den Winter sehr zu empfehlen.

Elizabeth Strout: Das Leben natürlich, btb 2014, Original: The Burgess Boys, 2013

Fundstück: Nichtigkeiten

Es gibt Menschen, die sich unablässig in Streitigkeiten und Verwicklungen verstricken, in Dramen, für die kein Mitspieler bereitsteht. Ihre Gefühle reiben sich an Objekten, die nichtsahnend reglos bleiben.

George Eliot, Middlemarch, Rowohlt 2019

Nora Bossong: Zwischen Bonn und Bujumbura

Ich habe in den letzten Jahren keinen Roman gelesen, der mich dermaßen desillusioniert zurückgelassen hat wie die Schutzzone (Suhrkamp 2019) von Nora Bossong. Ein Roman, der mit seiner erzählten Geschichte und deren Konstruktion überzeugt. Ein Roman, der mich gefesselt und zu Lesepausen gezwungen hat. Ein Roman, der uns 30-Sekunden-Meldungen in den Tagesnachrichten anders sehen lässt. Ein Roman, den ich nicht laut genug empfehlen kann.

Im Mittelpunkt steht vordergründig Bossongs Ich-Erzählerin Mira. Eine UN-Mitarbeiterin im besten Alter, engagiert, gestresst, halbwegs zuversichtlich, erfahren, weltläufig, überfordert, frustriert und verloren. Eine von x UN-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern höheren, mittleren oder niederen Rangs, die in x Ländern unterwegs sind, um x Konflikte geringeren, mittleren oder höchsten (welt-)politischen Gewichts zu lösen. Was vorrangig bedeutet, den Konflikt zwischen x Aktendeckeln zu dokumentieren, zu analysieren, ihm Form und einen Namen zu geben, mit Zahlen zu erfassen … usw. usf. Im Hauptquartier in New York oder im verstaubten, leblosen Genf. Oder auch an der Bar eines abgeschotteten Hotels zwischen den Fronten, irgendwo auf der Welt, zusammen mit anderen Konfliktlösern und Wahrheitskommissären. Auch in einem Zelt in Ostafrika.

Nora Bossong beschreibt das Tagwerk der Ich-Erzählerin schnörkellos, sachlich, ja distanziert. Die zahlreichen Zeitebenen machen den Einstieg nicht leicht, aber geben der Lektüre später Struktur. Sie verhindern, dass man Mira zu nahekommt. Doch man ahnt und findet vergebliches Bemühen, aufkommende Erwartungen, schmerzliche Betroffenheit, in den Anforderungen des Auftrags und in der Routine des Ewiggleichen versickernde Illusionen. Gut und Böse verschwimmen. Nicht nur an den Verhandlungstischen, unter den Kontrahenten. Nicht einmal Mira selbst, ihre Vorgesetzten und ihr Arbeitgeber lassen sich den Guten zuschlagen. Schließlich geht es hier zwar auch mal um den Streit um kleinste Inseln im Nordmeer (die kein Mensch kennt) oder um die mittlerweile bereits ein halbes Jahrhundert alte „Zypernfrage“. Nein, zwischen den beiden Buchdeckeln der Schutzzone geht es auch um größere Kaliber. Nämlich um Bürgerkriege, ja um Völkermord, um Kongo, Burundi, Ruanda. Und schon werden wir mit Zeitläufen und Herrschaftsverhältnissen konfrontiert, die in unseren Augen bereits Geschichte sind … und sogar in Geschichtsbüchern Erwähnung finden.

Bossong erzählt eine zweite fragmentarische Geschichte, die viel Raum einnimmt. Mira erinnert sich immer wieder ihrer Kindheit, weil Milan, heute ihr kurzzeitiger Liebhaber (ebenfalls UN-geschädigter Goodwill-Emissär), damals, vor dreißig Jahren, so etwas wie ihr „großer Bruder“ gewesen war. Und dessen Vater war …, klar, bei oder für die UN tätig … nicht irgendwo, sondern in Ruanda. Mira versteht heute dessen damals periodische An- und Abwesenheit, die ihr früher rätselhaften Seelenzustände von Milans Mutter und auch Milan selbst. Mira hat mittlerweile selbst genug Demütigung, Elend, Entwurzelung, Folter, Vergewaltigung und Mord zwischen zwei Aktendeckeln festgehalten und entsorgt.

Alles steuert daraufhin, dass Mira der UN adieu sagt. Als Leser wäre ich auch diesen letzten Schritt mit ihr gegangen. Sehr gern sogar. Doch Mira entscheidet sich am Ende für eine neue Mission, zwar gegen Mossul, doch für Amman.

Kurztipp: Peter Stamm

Ich mag Peter Stamm. Seine knappen, schnörkellosen Sätze. Seinen Blick für das Banale und sein Gespür für das Unentdeckte. Seine Figuren, die einem – wenn man seine Erzählungen oder Romane zur Seite legt –  in der Kantine, im Bus oder im Wartezimmer begegnen.

Wenn es dunkel wird (S.Fischer 2020) versammelt elf Geschichten, die von lautlos daherkommenden Wendepunkten erzählen. Von banalen Momenten, von Überraschungen, von erhebenden und niederschmetternden Gefühlen. Normalität, die an Abgründen endet oder zum Höhenflug verführt.

Die drei Erzählungen, die mir am besten gefallen: Supermond – Ein fleißiger und zuverlässiger Angestellter erfährt durch eine sich schließende Aufzugtür und weitere Alltäglichkeiten, dass seine Tätigkeit und er selbst überflüssig geworden sind. Sabrina, 2019 – Eine junge Frau steht Modell und wähnt sich in höheren Sphären; die Galerieszene schätzt das blecherne Kunstwerk mehr als den Menschen aus Fleisch und Blut; ja, auch Sabrina möchte lieber ihr Abbild sein als sie selbst. Die titelgebende Erzählung Wenn es dunkel wird geht noch weiter, legt Figuren und Zeiten übereinander und spielt bis zum Äußersten mit Rätselhaftem.

Die von der Kritik hochgelobten Geschichten Der erste Schnee und Schiffbruch finden meine Begeisterung in diesem Ausmaß nicht. Sogar regelrecht enttäuscht hat mich das triviale Ende der vielversprechenden Erzählung Das schönste Kleid.

Fundstück: Einsamkeit der Witwen

(…) sagte Bunny, deren Mann noch am Leben war. Ein Mann, über den sie sich den Großteil ihrer Ehe schwarzgeärgert hatte, der ständig an der Erziehung ihrer Tochter herumnörgelte, der sich mit Baseballmütze zum Essen setzte – er hatte Bunny wahnsinnig gemacht. Aber jetzt erschien es wie ein Sechser im Lotto, denn er lebte noch, und Bunny sah es ja reihenweise bei ihren Freundinnen, wie es war, seinen Mann zu verlieren und dann zu ertrinken in Einsamkeit. Olive hatte sogar manchmal den Eindruck, dass Bunny ihr aus dem Weg ging – als wäre Olives Witwentum eine ansteckende Krankheit.

Elizabeth Strout: Mit Blick aufs Meer, btb 2012 (Original: Olive Kitteridge, 2008)

 

Fundstück: Verlässliches Eheleben

Im Flur hörte ich Milan leise mit Teresa reden, kein Ton des Streits, aber auch keiner des Begehrens oder der Aufgeregtheit, was hatte ich erwartet, sie lebten seit Jahren zusammen, es waren die Verlässlichkeiten, nicht die Überraschungen, die sie aneinanderbanden, all das, was funktionierte, und hätten sie einen Skilift in ihrer Wohnung und eine Aalzucht im Bad gehabt, hätten auch die funktioniert.…

Nora Bossong, Schutzzone, Suhrkamp 2019

Ein Stück Weltliteratur: Middlemarch

Dieser Text ist keine Rezension. Ich sehe mich außerstande, dieses rund 1200 Seiten dicke Werk angemessen zu besprechen, die Hauptstränge der Handlung, die wichtigsten Figuren und deren Beziehungen, dazu das ganze Drumherum (Landschaft, Ansiedlungen, Gewerke, Gebräuche, Ideen und Illusionen usw.) vorzustellen und zu beschreiben.

Das in den 1830er Jahren in einem fiktiven mittelenglischen Ort namens Middlemarch und in den diesen umgebenden Weilern und Herrenhäusern sich abspielende Geschehen ist so vielfältig, doppelbödig, träge und dynamisch, tradiert und vorwärtstreibend, dass es bereits schwerfällt, „das Wichtigste“ nachzuerzählen. Auch die Überlegung, herausragende Gedanken und Wortwechsel der Protagonisten oder prägnante Kommentare und Charakterisierungen seitens des Erzählers bzw. der Erzählerin hier quasi als Appetitmacher zu zitieren, würde scheitern. Es sind zu viele …, zu viele kluge, erhellende, amüsante und bissige Auslassungen.

Geschrieben wurde Middlemarch ab 1869, erstmals veröffentlich (als damals durchaus übliche Fortsetzungsgeschichte) 1871/72. Die einbändige gebundene Ausgabe erschien kurz darauf, ebenso eine korrigierte Ausgabe 1874. Der Roman – „Eine Studie über das Leben in der Provinz“, so der Untertitel – war ein Verkaufsschlager und wurde bereits damals ins Deutsche übersetzt. Die jetzt vorliegende, von vielen Kritikern hochgelobte Neuübersetzung – 2019 erschienen bei Rowohlt – verantwortet Melanie Walz, deren auch in dieser Hinsicht instruktives Nachwort ich unbedingt zur Lektüre empfehle.

Die Wissenschaft bricht sich Bahn, in der Medizin, in der Agrarökonomie und anderswo. Die Politik gerät in schwierige Gewässer, Reformen sind notwendig, mancher sieht seine Privilegien bedroht. Neu gegen Alt – ausgetragen auf dem Feld dazwischen. Religionsfragen und die Neuordnung der Wahlbezirke füllen die Titelseiten. Die Eisenbahn ist nicht mehr aufzuhalten, die Pächter und Landarbeiter sollen von besseren Wohn- und Dienstverhältnissen profitieren. Landadel, Bürgertum, Kirchenmänner, politische Honoratioren, Egozentriker und unentschiedene Lebenskünstler treffen aufeinander. Mutige Frauen, selbstbewusst, am eigenen sozialen Aufstieg oder an der Wohlfahrt aller interessiert, müssen in Ehen einwilligen oder suchen diese, obwohl das Scheitern vorhersehbar ist. Pflicht und Liebe, Wissensdurst und Nachsicht, Treue und Abenteuerlust. Dorothea Brooke und Rosamond Vincy, auch Mary Garth, drängen sich mir als Lieblingsfiguren auf (von der Autorin durchaus unterschiedlich „geschätzt“). Der ewig schwurbelnde Mister Brooke, der verbohrte und lebensfremde Mister Causobon, der von seiner Vergangenheit eingeholte Mister Bulstrode, der unbeugsame Mister Garth, der überaus sympathische Pfarrer Farebrother – ein Panoptikum von Heuchelei und Zukunftsglauben, von Ehrlichkeit, unausweichlichem Scheitern und ewigen Stehsätzen. „Die Jugend“ verkörpern Tertius Lydgate, Fred Vincy und Will Ladislaw. Sie haben keine oder illusorische oder unausgegorene Lebensziele, schwenken um, verschulden und verlieben sich (auch mal in die falsche Frau), suchen die Flucht nach London oder finden sich mit den Gegebenheiten ab.

George Eliot (= Mary Ann Evans, 1819-1880) beherrscht die Kunst, dem Großen und Ganzen durch „Nebensächliches“ seine Form und sein Tempo zu verleihen. Durch die Beschreibung von Kleidung und Etikette, durch Ausflüge in das politische Leben und den Fortschritt der Wissenschaften, durch „running gags“ und einen sowieso erstaunlich freizügigen und schwarzen Humor. Und Eliot ist eine Autorin, die ihren Erzähler bzw. ihre Erzählerin überraschend oft und direkt das Wort überlässt. Diese kommentierenden Auslassungen, die auch immer wieder Distanz zu Figuren ermöglichen und das Erzähltempo verschärfen, betreffen nicht zufällig vor allem die Rolle der Frau(en), die tradierten Erwartungen der Männer (und „der Gesellschaft“), die Fesseln der Ehe und die Unwägbarkeiten der Liebe. Sie haben mich begeistert. Eine Fundgrube tiefsinniger, wahrer und witziger Bemerkungen … einhundertfünfzig Jahre alt. Fantastisch. Weltliteratur in 86 Kapiteln, nebst Präludium und Finale. Frühe Frauenliteratur, ein sehr unterhaltsamer Gesellschaftsroman. Unbedingt lesen!