Kritik: Vom Nachttisch geräumt

Lesetipp: Meine Frühjahrslektüre

 Edgar Selge: Hast du uns endlich gefunden, Rowohlt 2021. Ein brillantes Romandebüt. Die Kindheitsgeschichte des Autors und Ich-Erzählers, aufgewachsen in einem bildungsbürgerlichen Beamtenhaushalt, im Westfälischen, in der Nachbarschaft von Gefängnissen (der Vater ist dort Direktor). Eine Kindheit und frühe Jugend zwischen ambitionierter „Hausmusik“ (klassisch, Streicher, Klavier usw., mit Gästen) und regelmäßigen Prügelstrafen. Sprachlosigkeit, Wut, Scham, Geheimnisse. Selge erzählt in einem manchmal bitteren, mal humorvollen Ton von sich, seinem Vater, der Mutter, den Brüdern. „Ein Buch für Söhne“ – so würde ich den Lesetipp zusammenfassen, wenn er nur vier Worte zählen dürfte. Verstörend, fesselnd, einfach großartig.

 

Emma Stonex: Die Leuchtturmwärter, S. Fischer 2021, Lizenz: Büchergilde 2021 (Original: The Lamplighters, 2021; Übersetzung: Eva Kemper). Drei Leuchtturmwärter verschwinden auf unerfindliche Weise, gleichzeitig, draußen vor der Küste Cornwalls. Der Autorin gelingt es, das tosende Meer, den weiten Blick bis zum Horizont, den Alltag auf dem Turm, das Innenleben der Wärter sowie die Begierden und Ängste ihrer Frauen miteinander zu verknüpfen. Nichts ist so wie es scheint. Spannend bleibt die Geschichte nicht zuletzt, weil der Roman abwechselnd von 1972 (dem Zeitpunkt des Verschwindens der Männer) und von 1992 (dem Jahr der nachforschenden Interviews mit den Frauen) erzählt. Eine empfehlenswerte Lektüre – nicht nur für Urlaube am Meer.

 

Yasmina Reza: Serge, Hanser 2022 (Original: Serge, 2021; Übersetzung: Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel). Wieder seziert Yasmina Reza kammerspielartig das Innenleben einer kleinen, überschaubaren Gruppe von Menschen. Diesmal sind es drei Geschwister im besten Alter: Serge, der titelgebende „homme à femmes“, irgendwo zwischen Genie und krachendem Scheitern; der ausgleichende (und dem Leser/der Leserin immer wieder auf die Sprünge helfende) Ich-Erzähler Jean; die „kleine“ und deshalb von Kindesbeinen an scheinbar am Rand stehende Schwester Nana. Dazu nahestehendes Personal wie die Eltern der Drei oder dessen jugendlicher Nachwuchs sowie angeheiratete bzw. verflossene Liebschaften. Die Widerhaken der amüsanten Geschichte: Die Poppers sind eine jüdische Familie, in der Jüdisch-Sein unterschiedlich gelebt wird. Ein Auschwitz-Besuch voller Tragik und Komik. Rezas Dialoge schneiden ins Fleisch. Jedes Wort „sitzt“. Lesegenuss.

 

Abbas Khider: Der Erinnerungsfälscher, Hanser 2022. Vorweg: Die Hauptfigur Said Al-Wahid hat Ähnlichkeit mit dem Autor. Letzterer erzählt von einem in Berlin lebenden Jung-Schriftsteller, irakischer Herkunft, der einen deutschen Pass sein Eigen nennt. Verheiratet mit Monica, Vater von Ilias. Said Al-Wahid erfährt, dass seine Mutter im Sterben liegt, startet direkt nach einer Lesung in Mainz Richtung Bagdad. Khider berichtet nun nicht nur von dieser Reise, sondern lässt Al-Wahids Erinnerungen an die Kindheit und Jugend, an das Bagdad vor, während und nach den Kriegen wiederaufleben. Doch manche Erinnerung scheint verschollen, andere trügen. Das gilt auch für die Jahre der Flucht durch x Länder, für das Ankommen in Deutschland, für das hiesige Fremd-Sein und das Ringen um das neue Ich. Fazit: Der recht kurze Roman hat etwas Unfertiges. Die vielen arabischen Autoren eigene Erzählkunst macht die Lektüre zu einem Vergnügen.

 

Lesetipps: Meine Winterlektüre

Emine Sevgi Özdamar: Ein von Schatten begrenzter Raum, Suhrkamp 2021. Der Roman der in Berlin lebenden Autorin war das letzte meiner in den Wintermonaten gelesenen Bücher. Hier führe ich Özdamars gut 750 Seiten schweres Werk als erstes an, aus einem simplen Grund: Ein Leseerlebnis, wie man es wohl nur alle fünf oder zehn Jahre hat. Fulminant, großartig, fesselnd.
Istanbul in den 1970ern und 1980er – mit seinen Intellektuellen und Künstlern, seinen putschenden Militärs und marodierenden Faschisten. Der Weg der Erzählerin führt (ein Katzensprung) in eine andere Welt und bis ins Heute: Lesbos, dann Berlin, Paris, später auch Brüssel, Bochum, Avignon, München, Frankfurt – mit all den Sonderheiten der Orte, Kulturszenen, Lebensumstände und Hoffnungen. Das Leben und der Roman Özdamars sind prallvoll: Lebenswille, Kreativität, Angst und Trauer. Liebe, Freundschaft. Wissbegier, Klugheit. Neue Hoffnung, verstorbene Gefährten. Unbekannte Exilanten und prominente Theaterleute. Sprachverlust und Sprachgewalt. Und immer wieder „die türkische Putzfrau“ – genial.
Erzähltes, Dokumentiertes, Geträumtes – Zwiegespräche inmitten der Reichtümer der Kultur und Geschichte. Magisch.

 

Zeruya Shalev: Schicksal, Berlin Verlag 2021 (Original: Pelia, 2021; Übersetzung: Anne Birkenhauer). Die erzählte Geschichte ist einfach: Atara, um die Fünfzig, sucht nach dem Tod ihres Vaters dessen erste Frau. Über diese, Rachel, durfte in Ataras Kindheit nie gesprochen werden. Geheimnisse, Tabus.
Die Kontaktaufnahme der beiden Frauen gestaltet sich schwierig. Währenddessen erweitert Shalev ihr Personal und lüftet schrittweise den Schleier, wenngleich nur für die Leserin und den Leser. Für letztere wie mich: Eine immer spannende Erzählung, aus der man viel über das moderne Israel und dessen Entstehungsgeschichte erfährt. Über vergessene Freiheitskämpfer aus den 1930er und 1940er Jahren, über nie verheilte Wunden, über persönliche Schuld und persönliches Leid. Sehr zu empfehlen.

 

Édouard Louis: Changer: méthode, Èditions du Seuil 2021. Louis wie man ihn kennt. Um sich und seine Herkunft und die Loslösung von Familie und Milieu streichend. Diesmal ganz direkt den wichtigsten Schritten zugewandt, die den Autor aus der Tristesse der nordfranzösischen Provinz in die bürgerlichen Kreise der nahen „Großstadt“ Amiens und schließlich in die Cafés, Salons und Betten Pariser Geistesgrößen, Künstler und Superreichen führt. Mir sind seine sich wiederholenden Generalabrechnungen mittlerweile zu selbstverliebt. Doch wer sich für die Tücken des Erinnerns und für Wege autobiografischen Schreibens interessiert: empfehlenswert.

 

Hervé Le Tellier: Die Anomalie, Rowohlt 2021 (Original: L’Anomalie, 2020; Übersetzung: Romy und Jürgen Rütte). Von der Kritik gefeiert. Im März 2021 entkommt ein Überseeflug mit Mühe einem elektromagnetischen Wirbelsturm. Im Juni 2021 landet dasselbe Flugzeug mit denselben Passagieren erneut in New York. Als sei nichts geschehen. Jede und jeder bewegt sich in einem Doppelleben? März- und Juni-Passagiere begegnen sich selbst – von Geheimdiensten abgeschirmt und von Wissenschaftlern seziert. Eine fulminante (und wahrlich filmreife) Idee, die meine Ausdauer und den Lesegenuss überanstrengt hat. Viel Vergnügen.

 

Christoph Ransmayr: Der Fallmeister – Eine kurze Geschichte vom Töten, S.Fischer Verlag 2021. Zugegeben: mein erster Ransmayr, vor dem ich immer Scheu hatte. Also für mich eine späte Entdeckung. Ein vielschichtiger Roman über das Wasser, die Globalisierung, die drohende Klimakatastrophe, über eine Geschwisterliebe und die verschüttete, verklärte und zweifelnde Erinnerung an einen Vater. Amüsant und verstörend, wortgewaltig. Keineswegs pathetisch, wie einige Kritiker meinen. Unbedingt lesenswert. Störfaktor: Am Ende wird’s überraschend süßlich.

Fundstück: Die Mutter als Frau

Es ist nicht einfach für einen Heranwachsenden von vierzehn Jahren, zu bemerken, dass er eine sexy Mutter hat, die allein durch dieses Wort zu einer Frau wird, die sich der Kindheit entzieht, die jenseits von deren Registern liegt, die eine andere verkörpert, die man nicht mehr kennt…

Jean-Paul Dubois: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise, dtv 2020 (Original: Tous les hommes n’habitent pas le monde de la même façon, 2019)

Väter und Söhne

Ein Ausflug in der Schwäbischen Alb. Bov Bjerg schickt mit Serpentinen (Ullstein 2020) einen Vater und dessen kleinen Sohn auf die nicht nur kurvenreiche, sondern mit mehreren Generationen tragischer Familiengeschichte gepflasterte Strecke. Selbsttötungen des eigenen Vaters, Großvaters, Urgroßvaters sind Marksteine der Selbstvergewisserung des Ich-Erzählers, der selbst unter Depressionen leidet und dem Suizid die Stirn zu bieten versucht.

Das alles präsentiert Bjerg mal in düsteren Farben, mal in lockerem Ton. Mal bergauf oder bergab, gehend oder fahrend. Idyllische Landschaft, dunkle Erinnerungen. Tiefe Provinz als Schauplatz und deutsche Geschichte als Hintergrundfolie für die panische, verzweifelte und obsessive Suche nach der Wahrheit und ihren Untiefen.

Zum Glück ist das Kind ein quicklebendiges, wissbegieriges, ja manchmal freches. Der unwissende Sohn rettet den von Dämonen bedrängten Vater. Bjergs gelungene Komposition und der Rhythmus des Erzählten tragen dazu bei, dass die Lektüre das zwischendurch immer wieder bitter nötige „Luftholen“ ermöglicht.

Fundstück: Eifersucht (I)

Gegen einige Sachverhalte war er hilflos: (…) gegen Dorotheas Charakter, der immer zu neuen unüberlegten Tätigkeiten neigte und selbst unterwürfig und schweigsam unbeirrbare Gründe für sich behielt, an die zu denken verärgernd war; gegen gewisse Vorstellungen und Vorlieben, die sich in ihrem Geist eingenistet hatten in Bezug auf Gegenstände, die er kaum mit ihr erörtern konnte. Es war nicht zu bestreiten, dass Dorothea eine so tugendhafte und liebreizende junge Dame war, wie er sie nur zur Ehefrau hätte gewinnen können; doch diese junge Dame zeigte sich um einiges ungebärdiger, als er es sich vorgestellt hätte.

George Eliot, Middlemarch, Rowohlt 2019

Die Suche nach den nahen Anderen und dem Ich

Drei recht unterschiedliche Bücher, die allesamt um die Fragen nach dem Woher, der Familie und eigenen Kindheit, dem Gewordensein von Konflikten, dauerhafter Elternliebe oder schmerzhafter Enttäuschung  kreisen. Drei Bücher, deren Lektüre ich empfehle.

Gert Loschütz' Ich-Erzähler sucht nach dem, was nur am Rande einer Fotografie zu sehen ist oder auf dieser sogar gänzlich fehlt. Die Eltern: Zweifellos Ein schönes Paar (Schöffling 2018). Der Vater, die Mutter, das Kind, eine kleine Familie. Er stößt auf Ungereimtheiten und Geheimnisse. Er lernt, die alt gewordenen Eltern mit anderen Augen zu sehen. Er rätselt, fragt, spekuliert. Wir, die Leserinnen und Leser, folgen  ihm und erfahren nebenbei viel über unser Land, seine Vorvergangenheit, seine Vergangenheit und das gestrige Heute. Weimar, Faschismus, DDR, BRD (alt), Schland.

Nahezu die gleichen Zeiträume – wenn auch im Österreichischen – bilden den historischen Hintergrund des autobiografischen Romans Vati (Hanser 2021) von Monika Helfer. Sie erzählt von ihrem Vater, kriegsversehrt, wissbegierig und Menschenfreund, von seiner Tochter geliebt.  Ein unbeschwerter Text, der die Schwere des Alltags der Großeltern und Eltern, die schillernden Eigenheiten der Herkunftsfamilien und die Gewalt der Vorarlberger Natur unprätentiös erzählt. Die Liebe zum Buch, zur Literatur, zum Lesen spielt durchgängig eine Rolle und liefert neben dem sozialhistorischen Blick auf die endvierziger und fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts reichlich Stoff für Helfers Panoramabild.

Auch Édouard Louis rückt seinen Vater in den Mittelpunkt – und stellt die Frage: Wer hat meinen Vater umgebracht (Fischer 2019; Original: Qui a tué mon père, 2018). Seine Antwort ist gewohnt wütend. Schließlich gehört Louis zu den französischen Autoren, die – via  Rekurs auf Familie, Bekanntenkreis und Wohnviertel – unter dem Verschwinden des traditionellen Arbeitermilieus leiden. Nicht zuletzt, wenn sich Protagonisten dieser Milieus zwanzig, dreißig Jahre später zu Anhängern oder Wählern rechter, nationalistischer, fremden- und selbstverständlich schwulenfeindlicher Politikerinnen und Parteien geworden sind. Und/oder eben entwurzelte, berufskranke, geschlagene und ungehörte, sich ausgeschlossen fühlende Alte sind. Alte Männer, mit denen zwei, drei Jahrzehnte zuvor Louis und Co.  die für Jugendliche und Abschied von Reims nehmende Bald-Studenten bittere Kämpfe ausgetragen haben. Kämpfe die vielfach erst heute rekapituliert, verstanden, auch bedauert werden. Auch Édouard Louis hat vor Jahren diesen Kampf geführt, gegen seinen stellvertretenden Vater, den er glaubt, erst heute zu verstehen. Auch diese Verspätung nährt die Wut, der Louis in diesem Text freien Lauf gibt. Die Wut wird bitter. Ja ziellos, auch wenn Adressaten – vor allem Präsidenten der Republik – benamt werden. Das hat Louis mit jüngeren Bewegunge wie den Gelbwesten gemein: Gegen die da oben, die Elite, Paris, die Politik wird scharf geschossen. Das Kapital, das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, die Profiteure bleiben ungeschoren.

Ein verstörendes Wieder-gelesen-Erlebnis

Eher aus Verlegenheit ins Regal der gelesenen Bücher gegriffen: Bekanntschaften – Eine Anthologie  (Aufbau, Berlin und Weimar 1976).

Neunzehn Texte, darunter solche von mir schon damals bekannten und von mir bis heute wenig sagenden Autoren und Autorinnen.

Verstörend und aus der heutigen Zeit gefallen die Porträts, die Geschichten, die porträtierten Bekanntschaften und ihr Leben.

Noch verstörender: der eigentümliche Ton unverhohlener Kritik.

Als schaute man sich noch einmal einen uralten Schwarz-Weiß-Film an. Ein verloren geglaubter Genuss… Vergangenheit.

Das Brutale im Alltäglichen und die Suche nach Identität

Deniz Ohde fordert mit ihrem Roman Streulicht (Suhrkamp 2020) viel von ihren Leserinnen und Lesern. Im Kleinen erlebt die Ich-Erzählerin das Große. Und Ohde erzählt mit Kleinem vom Großen. Leserin und Leser sollten vermeiden, den großen Knall zu suchen. Ausgrenzung, ja Rassismus, Schweigen und Erschrecken, ein unbändiger Wissensdurst und Scham, Kraftlosigkeit und Mut... Mir fielen noch mehr Begriffe als Signalwörter ein, die Reihe bliebe wohl trotzdem unvollständig.

Streulicht hat mich wie kaum eine andere Lektüre der letzten Jahre unter Druck gesetzt: dranzubleiben, die Perspektive und Sprache zu begreifen, die sich aufbäumende Lebensgier zu begleiten, gegen vermeintliche Aussichtslosigkeit und Unveränderbarkeit zu verteidigen. Und immer wieder: die alltägliche, flüchtige, ja banale Diskriminierung und Ausgrenzung in ihrer tiefen Bedeutung und nachhaltigen Wirkung zu verstehen.

Ein Mädchen, aufwachsend im von einem Industriepark geprägten Frankfurter Westen. Der Nachname deutsch, der hierzulande weit verbreitete Vorname in ungewöhnlicher Schreibweise. Der Vater deutscher Arbeiter, er neigt zum Alkohol, auch zu Gewalttätigkeiten und zum Sich-Vergraben in festgezurrten Abhängigkeiten, altem Gerümpel und Trostlosigkeit. Die Mutter wurde in der Türkei geboren und ist mit ihren Träumen schon vor vielen Jahren in der Enge des erodierenden alten Industrieproletariats gestrandet. Sie bleibt für die Erzählerin eine Mutmacherin; das stärkste Argument der Mutter: „Du bist Deutsche.“

Ohde beschreibt und beschreibt und beschreibt. Die spröde, ja düstere Sprache Ohdes ist gewöhnungsbedürftig. Unzählige Details, Wohnung, Haus, Nachbarschaft, Straße, Viertel, Schule, Freund und Freundin, die Stadt…, familiäre Abgründe, das Scheitern an Ansprüchen und Codes, das zaghafte Entschlüsseln des Festgezurrten und immer wieder Unverständnis. Nur über das buchstäblich Alltägliche gewinnt die Geschichte über Herkunft, Scham, Ausbruch und Aufstieg an Dynamik.

Ein fulminantes Debüt, außergewöhnlicher Lesestoff, harte Kost. Sehr zu empfehlen.

Gleich zweimal: Im Gefängnis

Zwei Romane, zwei Männer, beide im Gefängnis. In den 1950er Jahren, am Ende der Nullerjahre unseres Jahrhunderts. In Algier, in Montreal. Verurteilt als Bombenleger, in Haft wegen Körperverletzung. Gestorben unter der Guillotine, entlassen nach zwei Jahren. Fernand Iveton, Paul Hansen.

Es war reiner Zufall, dass ich auf die beiden Romane etwa zur selben Zeit aufmerksam geworden bin und sie dann kürzlich nacheinander gelesen habe. Eine bedrückende, anregende, aber auch vergnügliche Lektüre.

Joseph Andras erzählt in Die Wunden unserer Brüder (Carl Hanser Verlag 2017; Original: De nos frères blessés, 2016) von Fernand Iverton, einem jungen Algerienfranzosen, der (tatsächlich!) sich der entstehenden algerischen Befreiungsbewegung anschließt, im November 1956 einen Bombenanschlag (der keine Menschenopfer kosten soll und sowieso vor der Detonation auffliegt) plant, gefasst und verhaftet und drangsaliert und gefoltert wird. Im Februar 1957 rollt sein Kopf unter dem Fallbeil.

Jean-Paul Dubois berichtet von einem ebenfalls teils sehr dramatischen, wenngleich nicht tödlich endenden Lebensabschnitt. Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise (dtv 2020; Original: Tous les hommes n’habitent pas le monde de la même façon, 2019) erzählt von Paul Hansen, einem Frankokanadier, geboren in Frankreich als Sohn einer Kino-verrückten Französin und eines protestantischen Pastors dänischer Herkunft.

Andras und Dubois inszenieren je auf ihre Weise ein Kammerspiel. Der Schauplatz: die Gefängniszelle. Die Erzählzeit: Mehr oder minder nur wenige Wochen. Doch die Geschichten erzählen von zwei ganzen Leben und mehr, von den Wurzeln der Familien, vom Träumen und Scheitern, von der – mir sehr nahegegangenen – Liebe der Protagonisten zu ihren Frauen Hélène (die aus einer polnischen Familie stammt) und Winona (einer Indianerin). Sie präsentieren „nebenbei“ noch skurrile und liebenswerte Nebenfiguren,

Die Romane berichten, warum ein junger Franzose, Arbeiter und Kommunist, sich dem Aufruhr der von der Kolonialmacht unterdrückten Einheimischen anschließt und dafür von Landsleuten bestialisch gequält und schließlich ermordet wird (die todbringende Unterschrift kommt vom Justizminister, dem wirklichen François Mitterand!). Sie berichten von einer verwirrenden Kindheit und Jugend und einem erfüllten Hausmeisterleben in einer Wohnanlage. Von Menschenliebe und Freundlichkeit. Von Würde, die der Folter widersteht, und von verletzter Würde, die sich in Schlägen und einem Biss zu retten versucht.  Sie erzählen unaufgeregt von zwei aufregenden Leben.

Fundstück: Nichtigkeiten

Es gibt Menschen, die sich unablässig in Streitigkeiten und Verwicklungen verstricken, in Dramen, für die kein Mitspieler bereitsteht. Ihre Gefühle reiben sich an Objekten, die nichtsahnend reglos bleiben.

George Eliot, Middlemarch, Rowohlt 2019

Nora Bossong: Zwischen Bonn und Bujumbura

Ich habe in den letzten Jahren keinen Roman gelesen, der mich dermaßen desillusioniert zurückgelassen hat wie die Schutzzone (Suhrkamp 2019) von Nora Bossong. Ein Roman, der mit seiner erzählten Geschichte und deren Konstruktion überzeugt. Ein Roman, der mich gefesselt und zu Lesepausen gezwungen hat. Ein Roman, der uns 30-Sekunden-Meldungen in den Tagesnachrichten anders sehen lässt. Ein Roman, den ich nicht laut genug empfehlen kann.

Im Mittelpunkt steht vordergründig Bossongs Ich-Erzählerin Mira. Eine UN-Mitarbeiterin im besten Alter, engagiert, gestresst, halbwegs zuversichtlich, erfahren, weltläufig, überfordert, frustriert und verloren. Eine von x UN-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern höheren, mittleren oder niederen Rangs, die in x Ländern unterwegs sind, um x Konflikte geringeren, mittleren oder höchsten (welt-)politischen Gewichts zu lösen. Was vorrangig bedeutet, den Konflikt zwischen x Aktendeckeln zu dokumentieren, zu analysieren, ihm Form und einen Namen zu geben, mit Zahlen zu erfassen … usw. usf. Im Hauptquartier in New York oder im verstaubten, leblosen Genf. Oder auch an der Bar eines abgeschotteten Hotels zwischen den Fronten, irgendwo auf der Welt, zusammen mit anderen Konfliktlösern und Wahrheitskommissären. Auch in einem Zelt in Ostafrika.

Nora Bossong beschreibt das Tagwerk der Ich-Erzählerin schnörkellos, sachlich, ja distanziert. Die zahlreichen Zeitebenen machen den Einstieg nicht leicht, aber geben der Lektüre später Struktur. Sie verhindern, dass man Mira zu nahekommt. Doch man ahnt und findet vergebliches Bemühen, aufkommende Erwartungen, schmerzliche Betroffenheit, in den Anforderungen des Auftrags und in der Routine des Ewiggleichen versickernde Illusionen. Gut und Böse verschwimmen. Nicht nur an den Verhandlungstischen, unter den Kontrahenten. Nicht einmal Mira selbst, ihre Vorgesetzten und ihr Arbeitgeber lassen sich den Guten zuschlagen. Schließlich geht es hier zwar auch mal um den Streit um kleinste Inseln im Nordmeer (die kein Mensch kennt) oder um die mittlerweile bereits ein halbes Jahrhundert alte „Zypernfrage“. Nein, zwischen den beiden Buchdeckeln der Schutzzone geht es auch um größere Kaliber. Nämlich um Bürgerkriege, ja um Völkermord, um Kongo, Burundi, Ruanda. Und schon werden wir mit Zeitläufen und Herrschaftsverhältnissen konfrontiert, die in unseren Augen bereits Geschichte sind … und sogar in Geschichtsbüchern Erwähnung finden.

Bossong erzählt eine zweite fragmentarische Geschichte, die viel Raum einnimmt. Mira erinnert sich immer wieder ihrer Kindheit, weil Milan, heute ihr kurzzeitiger Liebhaber (ebenfalls UN-geschädigter Goodwill-Emissär), damals, vor dreißig Jahren, so etwas wie ihr „großer Bruder“ gewesen war. Und dessen Vater war …, klar, bei oder für die UN tätig … nicht irgendwo, sondern in Ruanda. Mira versteht heute dessen damals periodische An- und Abwesenheit, die ihr früher rätselhaften Seelenzustände von Milans Mutter und auch Milan selbst. Mira hat mittlerweile selbst genug Demütigung, Elend, Entwurzelung, Folter, Vergewaltigung und Mord zwischen zwei Aktendeckeln festgehalten und entsorgt.

Alles steuert daraufhin, dass Mira der UN adieu sagt. Als Leser wäre ich auch diesen letzten Schritt mit ihr gegangen. Sehr gern sogar. Doch Mira entscheidet sich am Ende für eine neue Mission, zwar gegen Mossul, doch für Amman.

Kurztipp: Peter Stamm

Ich mag Peter Stamm. Seine knappen, schnörkellosen Sätze. Seinen Blick für das Banale und sein Gespür für das Unentdeckte. Seine Figuren, die einem – wenn man seine Erzählungen oder Romane zur Seite legt –  in der Kantine, im Bus oder im Wartezimmer begegnen.

Wenn es dunkel wird (S.Fischer 2020) versammelt elf Geschichten, die von lautlos daherkommenden Wendepunkten erzählen. Von banalen Momenten, von Überraschungen, von erhebenden und niederschmetternden Gefühlen. Normalität, die an Abgründen endet oder zum Höhenflug verführt.

Die drei Erzählungen, die mir am besten gefallen: Supermond – Ein fleißiger und zuverlässiger Angestellter erfährt durch eine sich schließende Aufzugtür und weitere Alltäglichkeiten, dass seine Tätigkeit und er selbst überflüssig geworden sind. Sabrina, 2019 – Eine junge Frau steht Modell und wähnt sich in höheren Sphären; die Galerieszene schätzt das blecherne Kunstwerk mehr als den Menschen aus Fleisch und Blut; ja, auch Sabrina möchte lieber ihr Abbild sein als sie selbst. Die titelgebende Erzählung Wenn es dunkel wird geht noch weiter, legt Figuren und Zeiten übereinander und spielt bis zum Äußersten mit Rätselhaftem.

Die von der Kritik hochgelobten Geschichten Der erste Schnee und Schiffbruch finden meine Begeisterung in diesem Ausmaß nicht. Sogar regelrecht enttäuscht hat mich das triviale Ende der vielversprechenden Erzählung Das schönste Kleid.

Ein Stück Weltliteratur: Middlemarch

Dieser Text ist keine Rezension. Ich sehe mich außerstande, dieses rund 1200 Seiten dicke Werk angemessen zu besprechen, die Hauptstränge der Handlung, die wichtigsten Figuren und deren Beziehungen, dazu das ganze Drumherum (Landschaft, Ansiedlungen, Gewerke, Gebräuche, Ideen und Illusionen usw.) vorzustellen und zu beschreiben.

Das in den 1830er Jahren in einem fiktiven mittelenglischen Ort namens Middlemarch und in den diesen umgebenden Weilern und Herrenhäusern sich abspielende Geschehen ist so vielfältig, doppelbödig, träge und dynamisch, tradiert und vorwärtstreibend, dass es bereits schwerfällt, „das Wichtigste“ nachzuerzählen. Auch die Überlegung, herausragende Gedanken und Wortwechsel der Protagonisten oder prägnante Kommentare und Charakterisierungen seitens des Erzählers bzw. der Erzählerin hier quasi als Appetitmacher zu zitieren, würde scheitern. Es sind zu viele …, zu viele kluge, erhellende, amüsante und bissige Auslassungen.

Geschrieben wurde Middlemarch ab 1869, erstmals veröffentlich (als damals durchaus übliche Fortsetzungsgeschichte) 1871/72. Die einbändige gebundene Ausgabe erschien kurz darauf, ebenso eine korrigierte Ausgabe 1874. Der Roman – „Eine Studie über das Leben in der Provinz“, so der Untertitel – war ein Verkaufsschlager und wurde bereits damals ins Deutsche übersetzt. Die jetzt vorliegende, von vielen Kritikern hochgelobte Neuübersetzung – 2019 erschienen bei Rowohlt – verantwortet Melanie Walz, deren auch in dieser Hinsicht instruktives Nachwort ich unbedingt zur Lektüre empfehle.

Die Wissenschaft bricht sich Bahn, in der Medizin, in der Agrarökonomie und anderswo. Die Politik gerät in schwierige Gewässer, Reformen sind notwendig, mancher sieht seine Privilegien bedroht. Neu gegen Alt – ausgetragen auf dem Feld dazwischen. Religionsfragen und die Neuordnung der Wahlbezirke füllen die Titelseiten. Die Eisenbahn ist nicht mehr aufzuhalten, die Pächter und Landarbeiter sollen von besseren Wohn- und Dienstverhältnissen profitieren. Landadel, Bürgertum, Kirchenmänner, politische Honoratioren, Egozentriker und unentschiedene Lebenskünstler treffen aufeinander. Mutige Frauen, selbstbewusst, am eigenen sozialen Aufstieg oder an der Wohlfahrt aller interessiert, müssen in Ehen einwilligen oder suchen diese, obwohl das Scheitern vorhersehbar ist. Pflicht und Liebe, Wissensdurst und Nachsicht, Treue und Abenteuerlust. Dorothea Brooke und Rosamond Vincy, auch Mary Garth, drängen sich mir als Lieblingsfiguren auf (von der Autorin durchaus unterschiedlich „geschätzt“). Der ewig schwurbelnde Mister Brooke, der verbohrte und lebensfremde Mister Causobon, der von seiner Vergangenheit eingeholte Mister Bulstrode, der unbeugsame Mister Garth, der überaus sympathische Pfarrer Farebrother – ein Panoptikum von Heuchelei und Zukunftsglauben, von Ehrlichkeit, unausweichlichem Scheitern und ewigen Stehsätzen. „Die Jugend“ verkörpern Tertius Lydgate, Fred Vincy und Will Ladislaw. Sie haben keine oder illusorische oder unausgegorene Lebensziele, schwenken um, verschulden und verlieben sich (auch mal in die falsche Frau), suchen die Flucht nach London oder finden sich mit den Gegebenheiten ab.

George Eliot (= Mary Ann Evans, 1819-1880) beherrscht die Kunst, dem Großen und Ganzen durch „Nebensächliches“ seine Form und sein Tempo zu verleihen. Durch die Beschreibung von Kleidung und Etikette, durch Ausflüge in das politische Leben und den Fortschritt der Wissenschaften, durch „running gags“ und einen sowieso erstaunlich freizügigen und schwarzen Humor. Und Eliot ist eine Autorin, die ihren Erzähler bzw. ihre Erzählerin überraschend oft und direkt das Wort überlässt. Diese kommentierenden Auslassungen, die auch immer wieder Distanz zu Figuren ermöglichen und das Erzähltempo verschärfen, betreffen nicht zufällig vor allem die Rolle der Frau(en), die tradierten Erwartungen der Männer (und „der Gesellschaft“), die Fesseln der Ehe und die Unwägbarkeiten der Liebe. Sie haben mich begeistert. Eine Fundgrube tiefsinniger, wahrer und witziger Bemerkungen … einhundertfünfzig Jahre alt. Fantastisch. Weltliteratur in 86 Kapiteln, nebst Präludium und Finale. Frühe Frauenliteratur, ein sehr unterhaltsamer Gesellschaftsroman. Unbedingt lesen!