Kritik: Vom Nachttisch geräumt

Freier Fall: Als Objekt ist sie verloren

Adèle ist gut situiert, mit einem Klinikarzt verheiratet, hat einen kleinen Sohn, sie ist als Journalistin anerkannt, die Wohnung im 18. Arrondissement am Montmartre ist großzügig. Ihr fehlt es an allem, was ihr Leben lebenswert machen würde. Sie sucht und findet. Sie spielt nicht, trinkt nicht, gibt nicht Unsummen in Boutiquen aus, wettet nicht auf Pferde und hat keine kleine pikante Affäre. Adèle zieht los und sucht Sex, mit beliebigen Männern, an beliebigen Orten, zu jeder Zeit. Harten, brutalen Sex. Körperliche Verletzungen, gewollt und goutiert, gehören dazu. Ficks, die auch mal in Blut und Kotze enden.

Sie nimmt nicht, sie will genommen werden. „Sie will nur ein Objekt inmitten einer Meute sein. Gefressen, ausgesaugt, mit Haut und Haaren verschlungen werden. (…) Sie will eine Puppe im Garten eines Ungeheuers sein.“ Dans le jardin de l’ogre lautet deshalb auch der Titel der französischen Originalausgabe des 2015 Aufsehen erregenden Debüts von Leila Slimani. Die bei Luchterhand 2019 erschienene deutsche Ausgabe verweist mehr auf das, was die Protagonistin hinter sich lassen will: All das zu verlieren. (Die englischsprachige Ausgabe ist schlicht mit Adèle betitelt.)

Die Heirat mit Richard war keine Liebesheirat („Ich habe ihn geheiratet, weil er mich gefragt hat. Er war der Erste und bisher der Einzige. Er hatte mir was zu bieten.“). Der kleine Sohn Lucien, anhänglich und unerzogen, „ist eine Last, eine Verpflichtung, an die sie sich einfach nicht gewöhnen kann“. Und ihr Dasein als gefragte Journalistin? „Adèle mag ihren Beruf nicht. Sie hasst die Vorstellung, dass sie arbeiten muss, um davon zu leben.“ Die Liste der öden Zustände und nicht erfüllten Wünsche ließe sich fortsetzen. Man kennt sie – aus dem Leben und aus der Literatur. Auch die da wie dort immer wieder gesuchten Auswege, Fluchten und alternativen Entwürfe sind bekannt. Adèle wählt das Extrem. Sie fällt und will fallen. Unendlich tief.

Die Vorgeschichte? Adèle wollte dazugehören und wie die anderen sein. "Indem sie Ehefrau und Mutter wurde, hat sie sich mit einer schützenden Aura der Achtbarkeit umgeben ..." Ein Schutzschild, hinter dem Leichtsinn und Liebeleien Platz haben könnten? Eben nicht. Ein letztlich unerheblicher Schutzschild für ihre Sucht, von der sie weiß und die sie lebt. Sexsucht, von der sie sich immer nur für ein paar Tage – bedingt durch äußere Umstände oder wegen erheblicher körperlicher Blessuren – befreien kann. Gier nach Sex, die nichts Befreiendes hat und deren Ausleben Adèle immer stärker beschädigt zurücklässt. Begierde endet in Selbstverstümmelung. 

Warum? Wie viele Mädchen hat Adèle dies erlebt: Onkel, die ein Auge auf sie warfen. Der fette Nachbar, dem sie unterm Küchentisch zu Diensten sein musste. Ein Bummel (an der Hand ihrer Mutter) durch das Viertel rund um den Place Pigalle und den Boulevard de Clichy, der bei der Zehnjährigen Erstaunen und Entsetzen hinterlässt:  „Niemals, weder in den Armen der Männer noch bei ihren Spaziergängen auf demselben Boulevard Jahre später, hatte sie je wieder dieses magische Gefühl, das Niedere und Obszöne, die bourgeoise Perversion und das menschliche Elend so mit der Hand greifen zu können.“ Mit fünfzehn Jahren dann „das erste Mal“, missglückt, anders als erhofft und erträumt, mit einem Siebzehnjährigen auf dem Betonboden einer Garage statt im Bett eines Strandhauses, angetrunken, überhastet. Sie hatte großmäulig behauptet, „es“ schon mal getan zu haben. Das Ende vom Lied: „Sie fühlte sich zugleich schmutzig und stolz, gedemütigt und siegreich.“ Sie verschlingt Kunderas Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins und liest immer wieder bestimmte Stellen. „Sie wiederholt diese Sätze wie ein Mantra.“ Adèle kann dem Sog nicht widerstehen. „Ihr ging es nicht um die Körper, sondern die Situation. Genommen werden. (…) Die Erotik bemäntelte alles. Sie verbarg die Trivialität, die Nichtigkeit der Dinge. Sie schärfte die Konturen ihrer Schülerinnennachmittage …“

Rund zwei Jahrzehnte später ist alles beim Alten. Richard, der schon immer treusorgende Ehemann (der Sex nie wirklich interessant fand), hat gegen Adèles Willen ein Haus in der Normandie gekauft und sich an einer Klinik in Lisieux beteiligt. Das Paar verlässt Paris, lässt alles hinter sich. Die Wohnung ist gekündigt, Möbel, Kleidung, Bücher, auch Bilder und sogar Fotoalben bleiben zurück. Adèle hat ihre Arbeit geschmissen. Richard will neu anfangen. „Er hat sich für Adèle ein neues Leben vorgestellt, in dem sie vor sich selbst und ihren Trieben in Sicherheit wäre. Ein Leben, bestehend aus Zwängen und Gewohnheiten.“

Adèle lebt jetzt leblos in der Provinz.

Und weiter? Nichts. Richard träumt am Ende davon, dass die Sucht mit dem Alter versiegt. Er, der seine Frau niemals mehr berührt hat, spürt bereits seine liebende Hand auf dem Körper der alten, sehr alten Adèle. „Adèle wird zur Ruhe kommen.“ Doch ihm bleibt nur der Traum, denn Adèle ist wieder nach Paris gefahren und nicht zurückgekehrt. Sie bleibt verschwunden mit ihren Sehnsüchten. Sie ist und bleibt zerrissen. Immer wieder verspürt sie „ebenso grenzenloses Entsetzen wie grenzenlose Freude“.

Und sonst? Schön beschriebene und sezierte Szenen, die den freiwilligen tiefen Fall Adèles weder aufhalten noch beschleunigen: Die kleinbürgerlichen Herkunftsfamilien, durch anderthalb soziale Treppenstufen voneinander getrennt; die immer gleichen Besuche bei beiden Elternpaaren zu Weihnachten und Silvester; Mutter und Schwiegermutter als ewige Last; Richard als der gute Sohn und als ein noch besserer Fang; Adèle als schlechte Köchin; der stumme Vater, der als freier Algerier in Moskau studieren konnte, den niemand jemals verstand und neben den sich Adèle nackt aufs Totenbett legt; die Freundin Lauren, die von Anfang an (fast) alles weiß und mit der Adèle gern eine Liebesnacht verbracht hätte, die aber – so wird erzählt – zum Glück nicht stattfand und  in einem Fiasko geendet hätte.

Slimani bedient sich einer detailreichen, aber verknappenden Erzählweise. Das Schreiben im Präsens unterstreicht das Unmittelbare und sorgt für ein hohes Tempo. Ein fulminanter Erstling, der an wenigen Stellen ins Schlingern gerät. Ein sehr mutiges Buch. Ob Adèles Weg – wie manche Rezensentin behauptet – weibliche Sexualität in einem neuen, nicht männlichen, emanzipativen Licht erscheinen lässt und die Lektüre befreiende Erkenntnisgewinne verspricht … – die Antwort können nur Frauen geben.

 

Fundstück: Immer und ewig

… Das Schlimmste war, dass er mich in diese ziellose Routine mit hineingerissen hat, ein reines Kreisen des einen um den anderen, ein gegenseitiges Verschlingen bei immer weniger Appetit. (…) Ich begann, Michel als gefangene Kreatur zu sehen, die mich zu sich in den Käfig stecken wollte. Wenn er vom Krankenhausbett aus die Hand zu einer Berührung ausstreckte, den Blick voller Verlangen, meinte ich, bei ihm den wahnwitzigen Anspruch zu erkennen, von dem wir in Grusel-geschichten lesen, in romantischen Romanen und in den von den Surrealisten geschätzten Phantasmagorien: der Wunsch nach Liebe, die den Tod überdauert …

(Rafael Chirbes, Paris-Austerlitz, Barcelona 2016; dt.: Paris-Austerlitz, Antje Kunstmann 2016)

 

Fundstück: Regelverletzung im Gleichklang

… Auch wenn die Brücke keine klare Regel darüber kennt, wo die Kandidaten während des Programms zu leben haben, steht fest, dass eine private Unterbringung bei Babak oder Britta komplett gegen die Idee des Verfahrens verstößt. Es gilt, Distanz zu halten, sich nicht zu identifizieren und schon gar nicht anzufreunden. Vor allem macht es Britta fassungslos, dass Babak ihr nichts von der neuen Wohngemeinschaft erzählt hat. Allerdings hat sie ihm auch nichts von Guido Hatz erzählt, jedenfalls bis heute, denn eigentlich ist sie hergekommen, um mit ihm darüber zu sprechen. Der Gleichklang zwischen ihnen ist so perfekt, dass sie sogar zeitgleich Geheimnisse voreinander haben …

 

(Juli Zeh, Leere Herzen, Luchterhand 2017)

 


Versager, Handlanger und Mörder

Manche Kritiker sprechen bereits von der „Methode Vuillard“. Auch das jüngste Werk des französischen Schriftstellers Éric Vuillard liefert diesen eigentümlichen Mix aus Bericht und Erzählung, aus historischen und politischen Fakten einerseits und deren fiktionaler Einbettung und Ausformulierung andererseits. Bis hin zum nebensächlichsten Detail welthistorisch bedeutender Ereignisse, bis hin zum noch so banalen Tun der versagenden, nieder-trächtigen, mordenden Protagonisten.

Die Tagesordnung (Matthes & Seitz 2018) beginnt mit dem 20. Februar 1933. An diesem Tag begrüßt Reichstagspräsident Göring 24 namentlich bekannte Herren, Bankiers und Großindustrielle, die Hitlers Wahlkampf-Sammelbüchse füllen sollen und dann auch füllten. Opel, Siemens, Krupp, IG Farben, Flick, Tengelmann, BASF, Bayer, Allianz, Agfa, Quandt, von Finck usw. usf. steht in der ersten oder eben in der zweiten Zeile ihrer Visitenkarten. Sie alle, die Herren im Gehrock und ihre Konzerne haben den Spuk, der am Ende weit über 50 Millionen Menschen das Leben kosten sollte, überlebt. Das versprochene Tausendjährige lag in Trümmern. Doch die deutsche Wirtschafts- und Arbeitgeber-geschichte konnte unbeschädigt weitergeschrieben werden. Das geheime Treffen vom 20. Februar ist heute kein Geheimnis mehr. Doch so knapp und beiläufig und demaskierend wie Vuillard hat es meines Wissens noch niemand beschrieben.

Zum Schmunzeln, zum Verzweifeln und Nachdenken verleiten auch die Episoden rund um den März 1938 und die Einverleibung Österreichs in das Deutsche Reich. Der österreichische Kanzler Schuschnigg, Austrofaschist und selbsternannter Frontführer, wird anlässlich seines Besuchs bei Hitler im Berchtesgadener Berghof in seiner ganzen Armseligkeit, Großmannssucht und Liebedienerei vorgeführt. Der französische Präsident Albert Lebrun hatte in der historischen Stunde, in der Hitlers Ultimatum auf Schuschniggs Schreibtisch lag, anderes, wichtigeres zu tun. Für einige Lagenweine mussten Herkunftsbezeichnungen geregelt werden, das geplante Budget der staatlichen Lotterie erforderte seine Aufmerksamkeit. Sein Premier Daladier sollte dann später im Jahr mit Britannias Premier Chamberlain und mit reinem Gewissen nach München reisen.

Chamberlain übrigens wird uns von Vuillard als privater Gastgeber (weil ehemaliger Wohnungsvermieter) Ribbentrops vorgestellt. Im Rahmen eines Abschiedsessens zeigt sich der großmäulig auftretende Deutsche (bislang Botschafter in London, neuerdings Außenminister in Hitlers Regierung) zusammen mit seiner Gattin als zunehmend lästiger Gast. Der Abend zieht sich, der Kaffee und die Schnäpse sind längst getrunken, die Gastgeber sind müde, doch die Gäste kleben in ihren Sesseln. Eine köstliche Szene. Der zähe Ausklang des langweiligen Abends wird zu später Stunde durch einen Boten des britischen Außenministeriums unterbrochen. Für Chamberlain & Co. (auch Churchill u.a. sind anwesend) ist mit der überbrachten geheimnisvollen Nachricht der Abend sozusagen endgültig im Eimer, man bittet um Entschuldigung und zieht sich zurück. Die deutschen Gäste zeigen Verständnis, verabschieden sich und feixen auf dem Nachhauseweg. Weil sie schon vor dem Abendessen wussten, was die Nachricht besagt: deutsche Truppen sind in Österreich einmarschiert.

Es folgen weitere groteske Ereignisse, bekannte und unbekannte, wirkliche und unwirkliche Begebenheiten. Sie werden vom Filmemacher Vuillard großartig in Szene gesetzt. Etwa ein Telefonat Görings mit Ribbentrop, das später, während der Nürnberger Prozesse, eine Rolle spielt. Der senile Gustav Krupp sieht kurz vor der Flucht aus der Villa Hügel keine Geister, sondern Zehntausende tote Zwangsarbeiter, die ihm die SS besorgt hatte, und fragt: „Wer sind eigentlich all diese Leute?“ Und derweil wienert der emigrierte deutsche Jude Stern im riesigen Requisitenlager des Kostümverleihs Hollywood Custom Place bereits zu einer Zeit SA- und SS-Stiefel, als dieses Schuhwerk im fernen Europa noch von leibhaftigen Menschenschindern und Mördern getragen wurde. Der Reigen schließt sich: Lapidar schildert Vuillard auf den letzten Seiten auch die Selbsttötung von vier Männern und Frauen im Wien des März 1938 und kommentiert, deren Leid sei etwas Kollektives und deren Suizid das Verbrechen eines anderen.

Gerade einmal 100 Seiten, die den Eindruck hinterlassen, man habe einen sehr dicken Wälzer und ein flottes Drehbuch und einen amüsanten Comic und eine buchhalterisch korrekte unendliche Totenliste gelesen. Verstörend.

 


Fundstück: Minispaten

... Die Soldaten machten sich maulend ans Schaufeln. Soldaten maulen immer, vor allem wenn sie Dinge tun müssen, zu denen sie keine Lust haben, und wer hat schon Lust, ein Gemeinschaftsgrab zu schaufeln, das auch noch ordentlich, das heißt, tief genug sein soll, was weiter heißt, dass sie große Mengen Erde ausheben müssen. Die Erde war nach dem vielen Regen zwar weich (und duftend), aber die Militärspaten sind eigentlich Minispaten, so dass für die gleiche Menge Erde, die ein richtiger Totengräber mit einem richtigen Spaten herausbefördert, der Soldat mindestens fünf, sechs Mal ansetzen muss. Jedem wäre das zu viel, nicht nur einem Soldaten, das steht fest, so wie es feststeht, dass jeder und nicht nur ein Soldat in dieser Situation intensiv an seinen eigenen Tod dächte und daran, wer wohl sein Grab schaufeln würde. Das ist eine echte Stresssituation, aber wenn man bedenkt, was sie alles umfasst, musste man froh sein, dass die Soldaten nur ein bisschen maulten ...

(David Albahari, Kontrolni punkt, Belgrad 2010; dt.: Kontrollpunkt, Schöffling & Co. 2013)

Die ziellose Flucht einer mutigen Frau

Eine in der Sache banale Geschichte. Berlin, Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre: Eine gutbürgerlich verheiratete junge Frau – ihr Ehemann ist Landgerichtsrat am Bezirksgericht in Moabit –, Mutter zweier kleiner Kinder, verliebt sich Knall auf Fall in einen amerikanischen Geschäftsmann. Eine zufällige, auf den ersten Blick kurze und harmlose Liebelei. Doch eine mit Folgen. Sie folgt ihm auf Zuruf für ein kurzes Wochenende zum titelgebenden Rendezvous in Paris (Edition Ebersbach 2012; Originalausgabe: Das große Einmaleins, Querido Verlag, Amsterdam 1935). Sie wagt den Schritt, der – das weiß und riskiert und will sie – ihre Ehe und ihr bisheriges Leben beenden würde. Er dagegen, in Flirts geübt und angemessen verabschiedet von einer Pariser Daueraffäre sowie begleitet von seiner aus England anreisenden Ehefrau, kehrt wieder in die USA zurück. Sie besteigt am selben Tag ein Flugzeug Richtung Deutschland.

Eine raffiniert erzählte Geschichte. Vicki Baum lässt die erzählten Tage – Dienstag, Mittwoch, Freitag, Samstag – jeweils aus der Perspektive von Evelyn Droste („Sie“), aus der von Frank Davis („Er“) und der von Kurt Droste („Der Mann“) Revue passieren. Dieser Erzählkniff ermöglicht es, die gravierenden Unterschiede hinsichtlich der Erwartungen, Empfindungen, Wertungen und Schlussfolgerungen (vor allem des Liebespaares) offenzulegen, ohne dass diese von den Protagonisten selbst und direkt thematisiert werden müssten. Zudem macht Baums Erzählweise deutlich, welche „großen“ und welche „kleinen“ Geschehnisse an besagten Tagen bei Evelyn Droste und welche bei Frank Davis Erschütterungen und Sehnsüchte provozieren oder eben einfach nur zur Kenntnis genommen beziehungsweise schlicht „übersehen“ werden. „Er“ und „Sie“ sind weniger als ein Paar.

Ein Melodram mit Tiefgang und Witz. „Der Mann“ ist lange Zeit ahnungslos. Er ist mit seiner Ehe eigentlich zufrieden und zudem rund um die Uhr mit einem ihn stark beschäftigenden Mordprozess befasst. Er spürt die Unzufriedenheit seiner Frau, hat aber keine Vorstellung von den Gründen und der Tragweite ihrer Frustration und Fluchtgedanken. Er sorgt sich mehr um die nicht bezahlte Gasrechnung und die Kosten der Haushaltsführung. Er muss unbedingt die nächste Stufe der Karriereleiter schaffen, um sorgenfrei und dauerhaft zur gutbürgerlichen Gesellschaft des Berliner Westens zu gehören. Frank Davis handelt mit kalifornischen Zitrusfrüchten, überschlägt seinerseits rund um die Uhr mögliche Margen und die gerade noch akzeptablen Abgabepreise. Verhandlungen mit deutschen und französischen Importeuren sind der eigentliche Grund seines Europa-Trips.

Baums Roman kommt mit wenig Personal aus: Evelyn, die ihre Sehnsüchte teuer bezahlt. Ein smarter Ami. Ein keineswegs unsympathischer Ehemann. In einer wichtigen Nebenrolle: Marianne, die gute Freundin beider Drostes. Die anderen sind Staffage.

Vicki Baum bedient sich eines lapidaren Stils, die Nähe zur Neuen Sachlichkeit ist nicht zu übersehen. Sie kennt ihr Milieu. Sie bricht immer wieder Leseerwartungen, sie rührt an Tabus. Vicki Baum ist eine genau hinschauende, humorvolle, zu ihrer Zeit sehr erfolgreiche, heute leider – wie ihre Zeitgenossin Irmgard Keun – zu Unrecht weitgehend vergessene große Chronistin des Berlins der Endzwanziger und seiner Frauen. Die Verfilmungen ihrer Romane waren Kassenschlager. Von den Nazis als „jüdische Asphaltliteratin“ diffamiert, emigrierte sie bereits 1932 in die USA, wo sie 1960 starb.