Kritik: Vom Nachttisch geräumt

Ein Stück Weltliteratur: Middlemarch

Dieser Text ist keine Rezension. Ich sehe mich außerstande, dieses rund 1200 Seiten dicke Werk angemessen zu besprechen, die Hauptstränge der Handlung, die wichtigsten Figuren und deren Beziehungen, dazu das ganze Drumherum (Landschaft, Ansiedlungen, Gewerke, Gebräuche, Ideen und Illusionen usw.) vorzustellen und zu beschreiben.

Das in den 1830er Jahren in einem fiktiven mittelenglischen Ort namens Middlemarch und in den diesen umgebenden Weilern und Herrenhäusern sich abspielende Geschehen ist so vielfältig, doppelbödig, träge und dynamisch, tradiert und vorwärtstreibend, dass es bereits schwerfällt, „das Wichtigste“ nachzuerzählen. Auch die Überlegung, herausragende Gedanken und Wortwechsel der Protagonisten oder prägnante Kommentare und Charakterisierungen seitens des Erzählers bzw. der Erzählerin hier quasi als Appetitmacher zu zitieren, würde scheitern. Es sind zu viele …, zu viele kluge, erhellende, amüsante und bissige Auslassungen.

Geschrieben wurde Middlemarch ab 1869, erstmals veröffentlich (als damals durchaus übliche Fortsetzungsgeschichte) 1871/72. Die einbändige gebundene Ausgabe erschien kurz darauf, ebenso eine korrigierte Ausgabe 1874. Der Roman – „Eine Studie über das Leben in der Provinz“, so der Untertitel – war ein Verkaufsschlager und wurde bereits damals ins Deutsche übersetzt. Die jetzt vorliegende, von vielen Kritikern hochgelobte Neuübersetzung – 2019 erschienen bei Rowohlt – verantwortet Melanie Walz, deren auch in dieser Hinsicht instruktives Nachwort ich unbedingt zur Lektüre empfehle.

Die Wissenschaft bricht sich Bahn, in der Medizin, in der Agrarökonomie und anderswo. Die Politik gerät in schwierige Gewässer, Reformen sind notwendig, mancher sieht seine Privilegien bedroht. Neu gegen Alt – ausgetragen auf dem Feld dazwischen. Religionsfragen und die Neuordnung der Wahlbezirke füllen die Titelseiten. Die Eisenbahn ist nicht mehr aufzuhalten, die Pächter und Landarbeiter sollen von besseren Wohn- und Dienstverhältnissen profitieren. Landadel, Bürgertum, Kirchenmänner, politische Honoratioren, Egozentriker und unentschiedene Lebenskünstler treffen aufeinander. Mutige Frauen, selbstbewusst, am eigenen sozialen Aufstieg oder an der Wohlfahrt aller interessiert, müssen in Ehen einwilligen oder suchen diese, obwohl das Scheitern vorhersehbar ist. Pflicht und Liebe, Wissensdurst und Nachsicht, Treue und Abenteuerlust. Dorothea Brooke und Rosamond Vincy, auch Mary Garth, drängen sich mir als Lieblingsfiguren auf (von der Autorin durchaus unterschiedlich „geschätzt“). Der ewig schwurbelnde Mister Brooke, der verbohrte und lebensfremde Mister Causobon, der von seiner Vergangenheit eingeholte Mister Bulstrode, der unbeugsame Mister Garth, der überaus sympathische Pfarrer Farebrother – ein Panoptikum von Heuchelei und Zukunftsglauben, von Ehrlichkeit, unausweichlichem Scheitern und ewigen Stehsätzen. „Die Jugend“ verkörpern Tertius Lydgate, Fred Vincy und Will Ladislaw. Sie haben keine oder illusorische oder unausgegorene Lebensziele, schwenken um, verschulden und verlieben sich (auch mal in die falsche Frau), suchen die Flucht nach London oder finden sich mit den Gegebenheiten ab.

George Eliot (= Mary Ann Evans, 1819-1880) beherrscht die Kunst, dem Großen und Ganzen durch „Nebensächliches“ seine Form und sein Tempo zu verleihen. Durch die Beschreibung von Kleidung und Etikette, durch Ausflüge in das politische Leben und den Fortschritt der Wissenschaften, durch „running gags“ und einen sowieso erstaunlich freizügigen und schwarzen Humor. Und Eliot ist eine Autorin, die ihren Erzähler bzw. ihre Erzählerin überraschend oft und direkt das Wort überlässt. Diese kommentierenden Auslassungen, die auch immer wieder Distanz zu Figuren ermöglichen und das Erzähltempo verschärfen, betreffen nicht zufällig vor allem die Rolle der Frau(en), die tradierten Erwartungen der Männer (und „der Gesellschaft“), die Fesseln der Ehe und die Unwägbarkeiten der Liebe. Sie haben mich begeistert. Eine Fundgrube tiefsinniger, wahrer und witziger Bemerkungen … einhundertfünfzig Jahre alt. Fantastisch. Weltliteratur in 86 Kapiteln, nebst Präludium und Finale. Frühe Frauenliteratur, ein sehr unterhaltsamer Gesellschaftsroman. Unbedingt lesen!

 

Fundstücke: Voreheliche Szenen in Middlemarch

Doch das Hindernis hatte er selbst freiwillig herbeigeführt, als er zu dem Schluss gelangt war, es sei nun an der Zeit, sein Leben mit den Reizen weiblicher Gesellschaft zu schmücken, mit dem Zeitvertreib weiblicher Interessen die Schwermut zu erheiteren, der die Zeiträume zwischen ernsthaften Studien unterlagen, und sich so in seinem besten Alter des Trostes weiblicher Fürsorge für seine späteren Jahre zu vergewissern. So hatte er beschlossen, sich dem Strom der Gefühle zu überlassen, und fand es vielleicht überraschend, welch ausnehmend seichtes Bächlein das war. (...)

... und die Hochzeitsvorbereitungen gingen ihren Gang und verkürzten die Wochen der Verlobungszeit. Die Braut sollte ihr künftiges Zuhause besichtigen und sagen, welche Veränderungen sie wünschen mochte. Frauen dürfen vor der Heirat ihre Wünsche äußern, damit sie danach Geschmack an der Unterwerfung finden. (...)

Mit freudiger Empfindung ging Dorothea durch das Haus. Alles kam ihr geheiligt vor: Dies sollte das Zuhause ihres Ehelebens sein, und sie sah Mr. Casaubon mit vertrauensvollem Blick an, als er sie eigens auf einzelne Arrangements hinwies und sie fragte, ob sie Veränderungen wünsche. Für die Rücksicht af ihren Geschmack war sie dankbar, aber sie hatte keine Änderungswünsche.

 

Jeder Nerv und jeder Muskel Rosamonds war darauf eingestellt, dass man sie beachtete. Sie war von Natur aus eine Schauspielerin, deren Rollen sich in ihrer physique ausdrückten, und sie spielte ihren eigenen Charakter so gut, dass sie nicht wusste, dass es tatsächlich ihr Charakter war. (...)

Und dennoch war dieses Ergebnis namens Liebe auf den ersten Blick, das Rosamond als gegenseitigen Eindruck auffasste, genau das, was sie im Vorhinein erwogen hatte. Seit der bedeutenden Ankunft des Arztes in Middlemarch hatte sie sich eine kleine Zukunft ausgemalt, deren Anfang etwas wie diese Szene bilden  musste. Fremde (...) übten schon immer eine den Umständen geschuldete Faszination auf den jungfräulichen Geist  aus, der kein heimatliches Verdienst gleichkommen kann. Und ein Fremder war unentbehrlich für Rosamonds gesellschaftliche Romanze, die immer einen Liebhaber und Bräutigam zum Inhalt gehabt hatte, der kein Middlemarcher war, sondern  aus anderen Verhältnissen stammte als sie selbst ...

(George Eliot, Middlemarch, Rowohlt 2019)

 



Die ziellose Flucht einer mutigen Frau

Eine in der Sache banale Geschichte. Berlin, Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre: Eine gutbürgerlich verheiratete junge Frau – ihr Ehemann ist Landgerichtsrat am Bezirksgericht in Moabit –, Mutter zweier kleiner Kinder, verliebt sich Knall auf Fall in einen amerikanischen Geschäftsmann. Eine zufällige, auf den ersten Blick kurze und harmlose Liebelei. Doch eine mit Folgen. Sie folgt ihm auf Zuruf für ein kurzes Wochenende zum titelgebenden Rendezvous in Paris (Edition Ebersbach 2012; Originalausgabe: Das große Einmaleins, Querido Verlag, Amsterdam 1935). Sie wagt den Schritt, der – das weiß und riskiert und will sie – ihre Ehe und ihr bisheriges Leben beenden würde. Er dagegen, in Flirts geübt und angemessen verabschiedet von einer Pariser Daueraffäre sowie begleitet von seiner aus England anreisenden Ehefrau, kehrt wieder in die USA zurück. Sie besteigt am selben Tag ein Flugzeug Richtung Deutschland.

Eine raffiniert erzählte Geschichte. Vicki Baum lässt die erzählten Tage – Dienstag, Mittwoch, Freitag, Samstag – jeweils aus der Perspektive von Evelyn Droste („Sie“), aus der von Frank Davis („Er“) und der von Kurt Droste („Der Mann“) Revue passieren. Dieser Erzählkniff ermöglicht es, die gravierenden Unterschiede hinsichtlich der Erwartungen, Empfindungen, Wertungen und Schlussfolgerungen (vor allem des Liebespaares) offenzulegen, ohne dass diese von den Protagonisten selbst und direkt thematisiert werden müssten. Zudem macht Baums Erzählweise deutlich, welche „großen“ und welche „kleinen“ Geschehnisse an besagten Tagen bei Evelyn Droste und welche bei Frank Davis Erschütterungen und Sehnsüchte provozieren oder eben einfach nur zur Kenntnis genommen beziehungsweise schlicht „übersehen“ werden. „Er“ und „Sie“ sind weniger als ein Paar.

Ein Melodram mit Tiefgang und Witz. „Der Mann“ ist lange Zeit ahnungslos. Er ist mit seiner Ehe eigentlich zufrieden und zudem rund um die Uhr mit einem ihn stark beschäftigenden Mordprozess befasst. Er spürt die Unzufriedenheit seiner Frau, hat aber keine Vorstellung von den Gründen und der Tragweite ihrer Frustration und Fluchtgedanken. Er sorgt sich mehr um die nicht bezahlte Gasrechnung und die Kosten der Haushaltsführung. Er muss unbedingt die nächste Stufe der Karriereleiter schaffen, um sorgenfrei und dauerhaft zur gutbürgerlichen Gesellschaft des Berliner Westens zu gehören. Frank Davis handelt mit kalifornischen Zitrusfrüchten, überschlägt seinerseits rund um die Uhr mögliche Margen und die gerade noch akzeptablen Abgabepreise. Verhandlungen mit deutschen und französischen Importeuren sind der eigentliche Grund seines Europa-Trips.

Baums Roman kommt mit wenig Personal aus: Evelyn, die ihre Sehnsüchte teuer bezahlt. Ein smarter Ami. Ein keineswegs unsympathischer Ehemann. In einer wichtigen Nebenrolle: Marianne, die gute Freundin beider Drostes. Die anderen sind Staffage.

Vicki Baum bedient sich eines lapidaren Stils, die Nähe zur Neuen Sachlichkeit ist nicht zu übersehen. Sie kennt ihr Milieu. Sie bricht immer wieder Leseerwartungen, sie rührt an Tabus. Vicki Baum ist eine genau hinschauende, humorvolle, zu ihrer Zeit sehr erfolgreiche, heute leider – wie ihre Zeitgenossin Irmgard Keun – zu Unrecht weitgehend vergessene große Chronistin des Berlins der Endzwanziger und seiner Frauen. Die Verfilmungen ihrer Romane waren Kassenschlager. Von den Nazis als „jüdische Asphaltliteratin“ diffamiert, emigrierte sie bereits 1932 in die USA, wo sie 1960 starb.