Kritik: Vom Nachttisch geräumt

Der neue Schulze: Leselust am Abgrund

Ingo Schulze enttäuscht nicht, vor allem nicht die, die sich zu seinen Gern-Lesern zählen. Also auch mich. Wieder spielt Schulze mit den Erwartungen seiner Leser. Er überrascht sie, wie zu erwarten. Er wechselt die Perspektiven, bringt verschiedene Erzähler ins Spiel. Und er erzählt eine schöne Geschichte, die auch böse sein kann und vermeintlich über Böses berichtet: Die rechtschaffenen Mörder
(S. Fischer 2020).

Ein Buchfanatiker, ein leidenschaftlicher Leser, ein Antiquar – das ist Norbert Paulini. Sachse von Geburt (Jahrgang 1953), passionierter Dresdner, am Ende heimisch in der Sächsischen Schweiz. Ein Mann mit DDR-Biografie. Ein mir, offen gesagt, sehr sympathischer Mensch. Er, der einen ansehnlichen Buchbestand von seiner sehr früh verstorbenen Mutter „geerbt“ hat, fährt ab 1977 mit einem Handkarren durch die Stadt und kauft rare Exemplare und ganze Buchbestände auf. Er verkauft auch, will aber kein Buchhändler sein. Sein Antiquariat wächst und wächst, Bücher fressen Wohnraum. Paulini ist zuallererst Leser.

Wir erfahren, welche Bücher (philosophische, naturwissenschaftliche oder belletristische) – egal aus welcher Zeit, egal aus welchem Land (Paulini konzentriert sich jedoch auf die deutschen Literaturen) – gefragt und/oder vergriffen, geheime Schätze und/oder Bestseller waren. Vieles kannte ich nicht, manches wusste ich nicht. Wir lernen am Rande auch den Volksbuchhandel und im Zentrum der Geschichte die Dresdner Bürgerlichkeit, die sozialistische und die post-sozialistische Bohème, nicht zuletzt viele Frauen kennen. Und wir freuen uns über zahlreiche Schnurren, über Lesungen, Salon-Akademiker, gutes Geschirr und den Weißen Hirsch.

Und dann kommt Teil II, was uns daran erinnert, dass wir uns bislang in Teil I bewegt haben, der sehr abrupt, buchstäblich mitten im Satz abbricht. Dieser erste Teil des Romans, in dem der Antiquar die Hauptfigur gibt, wird – was uns beim Lesen etwas irritiert und damit „vorgewarnt“ hat – von einem Unbekannten erzählt. Dieser anonyme Erzähler taucht nur in wenigen Momenten als „ich“ oder via „mir“ und „mein“ auf. In Teil II wird aus diesem Ich der Schriftsteller Schultze (wohlgemerkt, der mit „tz“), der nun neben den Antiquar in den Mittelpunkt der Erzählung rückt. Schultze, etwa in den 60ern geboren und immer mehr Berliner denn Dresdner, schreibt an einem Paulini-Text, wie er uns wissen lässt. Schultze liebt Lisa, eine langjährige Gehilfin und Geliebte Paulinis. Dieser hat einen mittlerweile heranwachsenden Sohn mit der Haarschneidefachfrau Viola, die sich von ihm trennt und die vor 1990 manches Wissen an entsprechende Stellen weitergab. Norbert Paulini wird immer eigener, kommt mit seinem Buchbestand immer weniger ins Reine, wird jetzt zusätzlich mit den Widrigkeiten im ein(ig)en Deutschland konfrontiert. Wessis wollen ihn über den Tisch ziehen, haben den längeren Atem und mehr Zeit.

Schulze gelingt es, dass der Antiquar und Bücherwurm mir „trotzdem“ immer unsympathischer wird. Schultze bleibt dagegen vergleichsweise blass, gehört einer anderen Generation an, birgt bis dahin keine Fallhöhe und Abgründe. Ein Schreiberling halt, der mehr mit sich als mit den Umständen hadert.

Teil II (84 Seiten) ist kürzer als Teil I (187 Seiten). Teil III ist noch knapper (34 Seiten). Dieses Ende der Geschichte wird erzählt von einer namenlosen Frau, der Lektorin Schultzes, aus München angereist. Diese macht sich aus einem sehr konkreten Anlass (den ich hier nicht verraten will) auf ins Elbsandsteingebirge. Auf den Spuren von Paulini, Lisa und Schultze.

Schulzes Roman endet mit einem aufschlussreichen Gespräch, das die Lektorin mit dem Nachfolger/Sachwalter Paulinis führt. Ein Gespräch über Wahrheit und Literatur, Realität und Schein, Charakter und Wahrhaftigkeit. Gesprächspartner ist Juso Podzan Livnjak, eine Romanfigur, die Ingo Schulze von Dzevad Karahasan „geklaut“ hat. Nach eigenem Bekunden. Schulzes letzte Volte in diesem amüsanten Roman.

Tipp: Empfehlenswert.

Fundstück: Der Zahn der Zeit

Mehr als alles andere fürchte ich die Zeit. Wenn ich Freunde nach Jahrzehnten treffe, stemme ich mich inzwischen mechanisch gegen die Melancholie, in ihrem Gesicht meine eigene Vergänglichkeit gespiegelt zu sehen. Auch die Schönste des Schulhofs stellte ich mir, um der Enttäuschung vorzubeugen, mit allen Schattierungen des Alters vor, stämmig und faltig geworden, die Lippen brüchig, die Mundwinkel nach unten gerutscht ... eine vergrämte, ältere Frau, die nichts mit der lebensfrohen Abiturientin gemein hat als den Namen und allenfalls äußere Merkmale wie die Nase, die sich zur Spitze hin leicht nach oben wölbt.

(Navid Kermani, Sozusagen Paris, Rowohlt 2018)

Ein Stück Weltliteratur: Middlemarch

Dieser Text ist keine Rezension. Ich sehe mich außerstande, dieses rund 1200 Seiten dicke Werk angemessen zu besprechen, die Hauptstränge der Handlung, die wichtigsten Figuren und deren Beziehungen, dazu das ganze Drumherum (Landschaft, Ansiedlungen, Gewerke, Gebräuche, Ideen und Illusionen usw.) vorzustellen und zu beschreiben.

Das in den 1830er Jahren in einem fiktiven mittelenglischen Ort namens Middlemarch und in den diesen umgebenden Weilern und Herrenhäusern sich abspielende Geschehen ist so vielfältig, doppelbödig, träge und dynamisch, tradiert und vorwärtstreibend, dass es bereits schwerfällt, „das Wichtigste“ nachzuerzählen. Auch die Überlegung, herausragende Gedanken und Wortwechsel der Protagonisten oder prägnante Kommentare und Charakterisierungen seitens des Erzählers bzw. der Erzählerin hier quasi als Appetitmacher zu zitieren, würde scheitern. Es sind zu viele …, zu viele kluge, erhellende, amüsante und bissige Auslassungen.

Geschrieben wurde Middlemarch ab 1869, erstmals veröffentlich (als damals durchaus übliche Fortsetzungsgeschichte) 1871/72. Die einbändige gebundene Ausgabe erschien kurz darauf, ebenso eine korrigierte Ausgabe 1874. Der Roman – „Eine Studie über das Leben in der Provinz“, so der Untertitel – war ein Verkaufsschlager und wurde bereits damals ins Deutsche übersetzt. Die jetzt vorliegende, von vielen Kritikern hochgelobte Neuübersetzung – 2019 erschienen bei Rowohlt – verantwortet Melanie Walz, deren auch in dieser Hinsicht instruktives Nachwort ich unbedingt zur Lektüre empfehle.

Die Wissenschaft bricht sich Bahn, in der Medizin, in der Agrarökonomie und anderswo. Die Politik gerät in schwierige Gewässer, Reformen sind notwendig, mancher sieht seine Privilegien bedroht. Neu gegen Alt – ausgetragen auf dem Feld dazwischen. Religionsfragen und die Neuordnung der Wahlbezirke füllen die Titelseiten. Die Eisenbahn ist nicht mehr aufzuhalten, die Pächter und Landarbeiter sollen von besseren Wohn- und Dienstverhältnissen profitieren. Landadel, Bürgertum, Kirchenmänner, politische Honoratioren, Egozentriker und unentschiedene Lebenskünstler treffen aufeinander. Mutige Frauen, selbstbewusst, am eigenen sozialen Aufstieg oder an der Wohlfahrt aller interessiert, müssen in Ehen einwilligen oder suchen diese, obwohl das Scheitern vorhersehbar ist. Pflicht und Liebe, Wissensdurst und Nachsicht, Treue und Abenteuerlust. Dorothea Brooke und Rosamond Vincy, auch Mary Garth, drängen sich mir als Lieblingsfiguren auf (von der Autorin durchaus unterschiedlich „geschätzt“). Der ewig schwurbelnde Mister Brooke, der verbohrte und lebensfremde Mister Causobon, der von seiner Vergangenheit eingeholte Mister Bulstrode, der unbeugsame Mister Garth, der überaus sympathische Pfarrer Farebrother – ein Panoptikum von Heuchelei und Zukunftsglauben, von Ehrlichkeit, unausweichlichem Scheitern und ewigen Stehsätzen. „Die Jugend“ verkörpern Tertius Lydgate, Fred Vincy und Will Ladislaw. Sie haben keine oder illusorische oder unausgegorene Lebensziele, schwenken um, verschulden und verlieben sich (auch mal in die falsche Frau), suchen die Flucht nach London oder finden sich mit den Gegebenheiten ab.

George Eliot (= Mary Ann Evans, 1819-1880) beherrscht die Kunst, dem Großen und Ganzen durch „Nebensächliches“ seine Form und sein Tempo zu verleihen. Durch die Beschreibung von Kleidung und Etikette, durch Ausflüge in das politische Leben und den Fortschritt der Wissenschaften, durch „running gags“ und einen sowieso erstaunlich freizügigen und schwarzen Humor. Und Eliot ist eine Autorin, die ihren Erzähler bzw. ihre Erzählerin überraschend oft und direkt das Wort überlässt. Diese kommentierenden Auslassungen, die auch immer wieder Distanz zu Figuren ermöglichen und das Erzähltempo verschärfen, betreffen nicht zufällig vor allem die Rolle der Frau(en), die tradierten Erwartungen der Männer (und „der Gesellschaft“), die Fesseln der Ehe und die Unwägbarkeiten der Liebe. Sie haben mich begeistert. Eine Fundgrube tiefsinniger, wahrer und witziger Bemerkungen … einhundertfünfzig Jahre alt. Fantastisch. Weltliteratur in 86 Kapiteln, nebst Präludium und Finale. Frühe Frauenliteratur, ein sehr unterhaltsamer Gesellschaftsroman. Unbedingt lesen!

 

Fundstücke: Voreheliche Szenen in Middlemarch

Doch das Hindernis hatte er selbst freiwillig herbeigeführt, als er zu dem Schluss gelangt war, es sei nun an der Zeit, sein Leben mit den Reizen weiblicher Gesellschaft zu schmücken, mit dem Zeitvertreib weiblicher Interessen die Schwermut zu erheiteren, der die Zeiträume zwischen ernsthaften Studien unterlagen, und sich so in seinem besten Alter des Trostes weiblicher Fürsorge für seine späteren Jahre zu vergewissern. So hatte er beschlossen, sich dem Strom der Gefühle zu überlassen, und fand es vielleicht überraschend, welch ausnehmend seichtes Bächlein das war. (...)

... und die Hochzeitsvorbereitungen gingen ihren Gang und verkürzten die Wochen der Verlobungszeit. Die Braut sollte ihr künftiges Zuhause besichtigen und sagen, welche Veränderungen sie wünschen mochte. Frauen dürfen vor der Heirat ihre Wünsche äußern, damit sie danach Geschmack an der Unterwerfung finden. (...)

Mit freudiger Empfindung ging Dorothea durch das Haus. Alles kam ihr geheiligt vor: Dies sollte das Zuhause ihres Ehelebens sein, und sie sah Mr. Casaubon mit vertrauensvollem Blick an, als er sie eigens auf einzelne Arrangements hinwies und sie fragte, ob sie Veränderungen wünsche. Für die Rücksicht af ihren Geschmack war sie dankbar, aber sie hatte keine Änderungswünsche.

 

Jeder Nerv und jeder Muskel Rosamonds war darauf eingestellt, dass man sie beachtete. Sie war von Natur aus eine Schauspielerin, deren Rollen sich in ihrer physique ausdrückten, und sie spielte ihren eigenen Charakter so gut, dass sie nicht wusste, dass es tatsächlich ihr Charakter war. (...)

Und dennoch war dieses Ergebnis namens Liebe auf den ersten Blick, das Rosamond als gegenseitigen Eindruck auffasste, genau das, was sie im Vorhinein erwogen hatte. Seit der bedeutenden Ankunft des Arztes in Middlemarch hatte sie sich eine kleine Zukunft ausgemalt, deren Anfang etwas wie diese Szene bilden  musste. Fremde (...) übten schon immer eine den Umständen geschuldete Faszination auf den jungfräulichen Geist  aus, der kein heimatliches Verdienst gleichkommen kann. Und ein Fremder war unentbehrlich für Rosamonds gesellschaftliche Romanze, die immer einen Liebhaber und Bräutigam zum Inhalt gehabt hatte, der kein Middlemarcher war, sondern  aus anderen Verhältnissen stammte als sie selbst ...

(George Eliot, Middlemarch, Rowohlt 2019)

 


Kurztipp: Effingers


Zwei deutsche Familien. In Berlin und in der süd(west)deutschen Provinz. Großbanker und Uhrmacher. Miteinander verschwägert. Zwischen den 1870ern und 1940ern. Preußentum und Fortschrittsglaube. Belesenheit und Buchhaltung. Innovation und Zaudern. Ingenieurkunst und Kapitalismus. Würde und Verrat. Tradition und Avantgardismus. Patriarchen und Frauenbewegte. Soziales Gewissen und Kriegsgewinnler. Militaristen und Radikale. Alt-1848er und Hitlersympathisanten. Nationalisten und Pazifisten. Weltbürger und Kleingeister …

Das Drama: Es sind zwei jüdische Familien, in denen sich all das versammelt, entwickelt, verzweigt und hält. Es sind Gläubige und Nichtgläubige, Junge und Alte, Männer und Frauen, Glückliche und Unglückliche, Optimisten und Pessimisten, Erfolgreiche und Verlierer, Verliebte und Ungeliebte, Tatkräftige und Zweifler …

Eine monumentale, lehrreiche, lebendig und in 151 Kapiteln (plus Epilog) lesefreundlich erzählte Familiengeschichte. Ein Roman über deutsches Judentum und jüdische Deutsche.

Unbedingt zu empfehlen.

Gabriele Tergit: Effingers, Schöffling & Co. 2019 (Erstausgabe: Hammerich & Lesser 1951)

 

Mercier: Wortgewaltige Langeweile

Ein Roman über Worte, deren Herkunft und Wirkung. Ein Buch, das sich des Übersetzens und vieler Sprachen annimmt. Ein Buch, das  elementare Erlebnisse (Tod der Geliebten, Fehldiagnose in eigener Sache) als solche erzählt. Außergewöhnliche Figuren in einer außergewöhnlichen Geschichte? Fehlanzeige! Eben der neue Roman von Pascal Mercier. Wer den Zug nach Lissabon mit Mühe zu Ende gelesen hat, wer Lena abgebrochen hat, sollte nicht zu Das Gewicht der Worte (Hanser 2020) greifen. Er oder sie würde sich bestätigt sehen. Mit Recht.

Ein Wort gibt das andere. Aus immer gleichem Mund, auch wenn dieser verschiedenen – und sich dann doch wieder sehr ähnelnden – Figuren geliehen wird. Die Geschichte: Ein Jüngling, Simon Leyland,  entdeckt im Londoner Haus des Onkels eine Mittelmeerkarte. Er ist fasziniert und will alle Sprachen der Anrainerländer lernen. Er tut dies und schafft es beinahe. In verschlägt es der Liebe wegen in den neu entdeckten Vielvölker-Hotspot Triest. Seine Livia stirbt jedoch früh. Was Leyland, mittlerweile natürlich sehr erwachsen und sehr sehr gebildet, erspart bleibt, denn die seinen Tod ankündigenden Ärzte-Diagnosen wurden falsch eingetütet, sie gelten nicht ihm. Er verkauft den von seiner Frau geerbten Verlag und geht zurück nach London, in das Haus des verstor-benen Onkels, zur Mittelmeerkarte. Hier hat er Zeit zum Nachdenken über immer das Gleiche. Wie überhaupt fast alle Figuren über immer das Gleiche reden und korrespondieren und reden und korrespondieren. Alle Figuren im immer gleichen Ton, gut erzogen, belesen, empfindsam für Worte, ohne abweichende Meinungen.  Nichts kann sie wirklich erschüttern. Leider. Die Leserin und der Leser werden an keiner Stelle überrascht, irritiert, in ihrer Lektüre gestört. Ermüdend, langweilig.