Schwarz und weiß und rot – das sind unsere Farben

Heimspiel #9

Fangen wir in der 90.+ Minute an. Ein Offenbarungseid. Eine Mannschaft, die durch nichts zusammengehalten wird, leblos wirkt, unfähig sich zu wehren. Die Körpersprache verriet Verunsicherung, Hilflosigkeit, Führungslosigkeit. Das vierte Tor der Kölner zeigte, wie weit unsere Mann schaft von einem Punktgewinn entfernt war. Das dritte und zweite Tor veranschaulichten in der Entstehung, im Vollzug und in der jeweiligen Minute danach, woran es an diesem Abend krankte (und schon seit Wochen kränkelt): in der vorletzten oder gar vorvorletzten Aktion wird ein gravierender Fehler gemacht (in diesem Falle: Nicht-Verhalten von Dost), der 16er ist voller Adler, das Tor fällt trotzdem, mindestens sechs oder sieben Spieler scheinen ratlos angesichts des gerade gefallenen Treffers, hängende Köpfe, Vereinzelung und Gemecker an die falsche Adresse (Kostic stellt N'Dicka in den Senkel statt Dost).

Wir waren uns im Block einig, dass das anfängliche 2:0 nicht reichen wird. Und haben auf eine Art und Weise Recht behalten, die wir nicht geahnt haben. Bis auf wenige Aktionen in der ersten halben Stunde gelang es der Eintracht nicht, ihr Spiel aufzuziehen, wobei sich die Frage stellt: Was ist das Spiel der Eintracht? Was und wie will sie spielen? So wie sie nach dem ersten Gegentor das Spiel völlig aus der Hand gegeben hat und nur noch hilflos und wehrlos agiert hat, so hat sie es schon vorher – ohne jede Spielidee und ohne jede Spielintelligenz – nicht geschafft, aus dem 2:0 Dominanz zu entwickeln.

Jede Einzelkritik wäre heute abend fehl am Platz, da niemand (außer vielleicht Hinteregger, auch Wiedwald) die Note "ausreichend" oder "befriedigend" verdient hätte. Bei allen anderen steht ein  "mangelhaft", bei zwei oder drei sogar ein "ungenügend" im Zeugnis. Der Sturm existiert nicht, das offensive Element des Mittelfelds eben so wenig. Die Defensive ist nicht in der Lage, Räume dicht zu machen. Jeder Gegenstoß kann sich großer Lücken bedienen. Die Abwehr wackelt, kaum ein direkter Zweikampf wird gewonnen. Der Torhüter war die ärmste Sau. Köln hat (wie Mainz, Augsburg, Hertha usw. usf.) mit sehr einfachem Spiel – robust und körperbetont, schnell und geradlinig – ein ums andere Mal die Defensivformation ausgehebelt und überlaufen: Pass, Prallen, Pass, Laufen, Pass, Prallen, Pass, Laufen ....  Die Eintracht hat dagegen mit langen Schlägen und umgehendem Ballverlust das Unheil provoziert. Es gibt bei unserer Mannschaft keinen (kaum einen) Spielzug über sagen wir vier oder fünf Stationen, der gewollt erscheint, Gefährlichkeit ausstrahlt und erfolgsträchtig daherkommt. Es überwiegen Einzelaktionen (Kostic) Notfallabspiele, technische Mängel (Pacienca, Sow, Kohr), Egoismus, Hilflosigkeit (alle), Gefuddel (Kamada).  Der Eintracht fehlt es in allen Mannschaftsteilen an Qualität.

P.S. Dass es dem Trainer offenbar nicht gelingt, während des Spiels "gegenzusteuern", und er im Gegenteil durch schwer nachvollziehbare Wechsel und Umstellungen zur "Planlosigkeit" und "Dekonstruktion" des Eintracht-Spiels beiträgt, ist ein immer ernster zu nehmender Faktor unserer Schwäche.

Fundstück: Untergegangen

Am 24.4.1991 hatte der serbische Abwehrspieler Siniša Mihailović Roter Stern mit einem Freistoßtor in Führung gebracht. Vorausgegangen war ein Foul an Dejan Savićević, einem Edeltechniker aus Montenegro. Der Jubel war ohrenbetäubend, war unheimlich. (…) Im Mittelfeld wirbelte Prosinečki die Bayern immer wieder durcheinander, sein hellblonder Schopf wie eine kleine Sonne, die über dem Rasen auf- und – wenn ein Gegenspieler sich nicht anders zu helfen wusste – niederging. Ein Jugoslawe wie ich: Mutter Serbin, Vater Kroate. Die hochsitzenden, kurzen Shorts. Die bleichen Beine. Hinten machte Refik Šabanadzović die Räume eng, ein unbequemer Bosnier, stämmig, aber schnell. Mein Lieblingsspieler lümmelte vor dem gegnerischen Strafraum scheinbar schläfrig herum: Darko Pančev, genannt Kobra. Der mazedonische Stürmer, Torschütze im Hinspiel, lief immer leicht vorgebeugt über den Platz, die Schultern hochgezogen, als ging es ihm ausgerechnet heute nicht so gut. Die krummsten Beine des Universums, ich hätte auch gern solche gehabt. Was für eine Mannschaft! So eine wird auf dem Balkan nie wieder möglich sein ...

(Saša Stanišić, Herkunft, Luchterhand 2019)

Europacuuuuuup: Vitória G.

Geschafft! Ein sehr schlechtes Spiel der Eintracht, das alle Schwächen und Defizite dieser Saison offengelegt hat. Kein wirkliches Sturmspiel, weder der beiden äußerst schwachen Stürmer noch aus dem offensiveren Mittelfeld (Kamada ohne Ideen und Durchsetzungskraft; Kostic am Limit; da Costa unterirdisch). Die Defensive sehr oft (wie jüngst schon gegen Mainz und Hertha) ungeordnet, zu langsam, zu fahrlässig im Umschaltspiel; Hasebe war diesmal nicht die positive Ausnahme, auch nicht Hinteregger. Rönnow (bis auf einen Ball) fehlerlos. Übrigens: das 2:3 hat uns nicht das Genick gebrochen, weil Standard gegen Arsenal kein 2:0 halten konnte ... und natürlich weil wir selbst in den sechs Gruppenspielen die nötigen Punkte fürs Weiterkommen eingesammelt haben. Weiter geht's. Mal sehen, wie weit.

Heimspiel #8

Ein verdientes 2:2 gegen Hertha BSC. Eine starke kämpferische Leistung nach einem zwischenzeitlichen 0:2, die dann auch die spielerische Überlegenheit belohnte. 15:1 Ecken, nicht gegebene Tore, eine deutliche Leistunssteigerung gegenüber den Spielen gegen Freiburg, Wolfsburg und Mainz. Die größte Schwäche: die Torausbeute und das Sturmspiel. Pacienca und vor allem Silva sind formschwach, standen sich (gerade bei Flanken) oft im Weg, aus dem Mittelfeld kam wenig spielerischer Druck (gegen Ende des Spiels waren davon Ansätze zu erkennen). Die Besten: Hasebe, Kostic, gefallen konnten auch Hinteregger und mit einigen Aktionen Kamada. Rönnow fehlerlos, aber auch kaum gefordert! Das Abwehrverhalten bei beiden Hertha-Toren mangelhaft. Die schlechteste Schiri-Leistung der bisherigen BuLi-Saison im Waldstadion.

Heimspiel #7 UND Europacuuuuuup: Arsenal in London

Weder das beschissene 1:2 gegen Wolfsburg noch das glückliche 2:1 gegen Arsenal gesehen, da unterwegs. Also: kein Kommentar.

Fundstück: Puskás lebt

… Puskás ist der erste Postmoderne, Puskás, der gar nicht existiert, den es lediglich als Vorstellung gibt, das reine Blatt, auf das jeder alles schreiben kann, der Held aus dem Volksmärchen, der an unserer Statt siegt, der schlaue Schwabe, der die kommunistischen Diktatoren überlistet, Puskás, der Verräter, der Verlierer, der Egoist. Wenn es einen Puskás gibt, dann gibt es Tausende von ihm, Puskás ist das, was wir von ihm denken (abgesehen von seinem konkreten linken Fuß), Puskás ist das vorgeschossene Jahrtausendende, Puskás ist das ewig Mögliche, das seiner Persönlichkeit beraubte Ich, er ist das Ich als Jedermann …

(Péter Esterházy, Deutschlandreise im Strafraum, Berlin Verlag 2006)

 

Europacuuuuuup: Standard in Lüttich

Schwaches Spiel, schlechter Platz, noch schlechterer Schiri. Vergeigt hat's die Mannschaft. Der prägendste Eindruck: Ab Minute 1 mit einem Unentschieden zufrieden. Kein Biss, kein Zug im Spiel. Viele Ungenauigkeiten und leichte Fehler. Gebolze und seltsame Einzelaktionen. Gegen eine biedere, limitierte, robuste Mannschaft. Erschreckend schlecht: Hasebe, ein Sicherheitsrisiko. Da Costa? War der überhaupt dabei? Ansonsten: Mittelmaß. Nur Rönnow hat mich überzeugt. Endergebnis: 2:1 für Lüttich.

 

Europacuuuuuup: Standard

Ein hochverdienter 2:1-Sieg, der am Ende gewackelt hat. Bas Dost machte wieder den Unterschied, er wurde schmerzlich vermisst – in der Ballsicherung und als Ballverteiler (erinnert – spielend und fehlend! – bereits jetzt an Sebastien Haller in der vergangenen Saison). Die letzte Reihe stand gut (bis auf die Situation beim Gegentor); das Mittelfeld war defensiv ganz okay, die zahllosen Fehlpässe sind ärgerlich; das Sturmtrio (nebst Außenspieler) blieb deutlich hinter seinen Möglichkeiten. Standard Lüttich: bieder, doch defensiv gut gestaffelt. Seltsam seltsam: zwei Tore durch Verteidiger aus Standardsituationen. Sehr erfreulich: Rönnow, sicher und abgeklärt. Besonders enttäuschend: Kamada und Gacinovic.

Fazit: Noch ein Sieg in drei Spielen und wir sind ziemlich sicher in der K.O.-Runde. Bravo.

Nebenbei: Die Choreo des Abends (Foto) wurde von vielen Zuschauern nicht verstanden. Hier die Auflösung: Sie nahm Bezug auf das Wappen von Frankfurt im Bauhaus-Stil von Hans Leistikow von 1925 (Danke, Mark).

 

Geiselhaft aus der Wagenburg

Die Eintracht – die Mannschaft und ihre Fans – wurde bestraft. Drastisch. Nach dem Entscheid der zuständigen Uefa-Kommission (korrupt, verfickt … – ist schon klar) wird es für uns keine Karten für die Auswärtsspiele gegen Standard und Arsenal geben. Grund: Die zur Bewährung ausgesetzte Strafe (Rom) greift jetzt, die Aktionen in Guimaraes werden sanktioniert. All das war absehbar, all das wird wieder passieren. Die ellenlange Erklärung der Ultras und ihrer Gefolgschaft eingeschlossen. Ende. Auch dass gestern Abend (17.10.2019) und heute auf Twitter und beispielsweise im blog-g.de relativ unaufgeregt debattiert und schwadroniert wurde, spricht für diesen unangenehmen Gewöhnungseffekt und die sich einstellende Müdigkeit.

Zwei Worte noch. Es wird im Zusammenhang mit den Kollektivstrafen der Uefa gern von „Sippenhaft“ gesprochen. Ich spreche von Geiselhaft. Die Selbstverliebten und Selbstzufriedenen aus „der“ Kurve nehmen mich in Geiselhaft. Ob ICH nach Lüttich, London oder sonst wo hinfahren darf, ist von DEREN Verhalten und Testosteronspiegel abhängig. Ich bin eine Geisel ihres Wohlverhaltens, während sie glauben, wir seien vom Wohlwollen der verfickten, korrupten usw. Uefa abhängig.

Ihr in der Wagenburg, die nach Rom und Mailand herumposaunt haben, „wir regeln das unter uns“, habt dies nicht getan und tut dies nicht. Siehe Strasbourg, siehe Guimaraes (siehe, als Pillepalle-Beispiel, Hoffenheimer Eckstöße). Wer von euch tut etwas dafür, dass statt Kollektivstrafen individuelle, personen- und tatbezogene Strafen praktisch möglich werden? Und eine letzte Wahrheit: Wer sich in seiner Wagenburg einrichtet, gewinnt keine neuen Mitstreiter; in der Regel verliert er nach und nach welche. Die Uefa und der DFB (und Beuth und …) mögen dazu beitragen, dass die Eintracht-Fanszene ab und zu zusammenrückt; ihr tut alles, damit sie auseinanderdriftet. Und da ihr bekanntlich die Stärkeren seid …