Erfahrungen & Vorhaben

Wenn Figuren laufen lernen

Dora, die zweite Frau und vierte Hauptfigur im "Wolkenschieber"-Roman, ist nicht nur einfach in die Handlung hineingeplatzt, sondern war mir zwischenzeitlich davongelaufen. Ihr Ehrgeiz und ihre Willensstärke waren schwer zu bändigen. Um sie nicht ganz zu verlieren, musste ihre späte Liebe, die ihr viel Sicherheit und Ruhe gegeben hätte, tödlich verunglücken. Nur so konnte die Figur Dora die alte bleiben ... voller Selbstbewusstsein, Schroffheit und prallen Attraktivität. Sie sucht. Zum ihrem und meinem Glück trifft sie Franky, den schmächtigen, redseligen Ossi, der mehr kann als es scheint, und der ihr Spaß macht. Doras größter Vorzug: Sie ist eine gute Freundin.  


Verdrängt: Jugoslawien

 Es war nicht geplant. Kein „Thema“, das absichtsvoll angesprochen oder das erzählend „behandelt“ werden sollte. Beim Schreiben drängte es sich dann aus sehr unterschiedlichen Gründen auf.

Die „Wolkenschieber“ standen Anfang der 90er an einer Weggabelung. Andreas versucht seinen Kurs zu halten, Benno geht nahezu unbeabsichtigt in eine andere Richtung. Ausgesprochen wird dies von den beiden Freunden eher beiläufig. Die Folgen sind jedoch essenziell. Im dritten Teil des zweiten Romans – „Das andere Land“ – sind die Neunziger schon längst Geschichte. Serben und Albaner stranden in Deutschland. Die Ergebnisse und Folgen des Jugoslawienkriegs sind nur noch eine private Herausforderung für zwei Protagonisten – und für eine davon auffällig unberührte junge Frau.

Dass sich mir – als Autor – Jugoslawien in beiden Geschichten so stark aufgedrängt hat, liegt, so meine Erklärung, an der eigenen jahrelangen Verdrängung dessen, was sich warum und wie in der erzählten Zeit im ehemaligen Vielvölkerstaat Jugoslawien ereignet hat.

 

Vorankündigung: Textanfänge

Die Arbeit an den kürzeren Texten, die ich im September angekündigt hatte, ist fortgeschritten, weit fortgeschritten. Es werden wohl insgesamt neun Erzählungen sein (darunter auch die vom Guimiliau-Besuch inspirierten), die in einem Band im kommenden Frühjahr veröffentlicht werden sollen. Um die neugierigen Besucherinnen und Besucher dieser Website noch etwas auf die Folter zu spannen, folgen hier die jeweils ersten Sätze der neun Geschichten.

Camille, seines Zeichens Oberkellner im Castel du Sphinx, freute sich, als die beiden älteren Herrschaften zum ersten Mal ein Wort wechselten.

Vor vierzig Jahren hatte er zum ersten Mal das kleine Haus betreten – und zum letzten Mal.

Als sie begann, sich in ihrer eigenen kleinen Welt einzurichten, hatte sie die Schläge längst vergessen.

Endlich den Dreh gefunden und an den Schreibtisch gesetzt.

Alenka war freundlich, hilfsbereit und fleißig.

Das knisternde Kaminfeuer entwickelte eine Hitze, die, kam man von draußen, den Eintretenden wohlig umschloss, aber dem, der sich länger als zehn Minuten in der Nähe der glühenden Holzscheite aufhielt, doch ein eher unangenehmes Prickeln auf der Haut bescherte.

Die Maschine würde vermutlich nur zur Hälfte besetzt sein.

Das Klingeln durchschnitt die Stille.

Er hatte sich nun doch für ein E-Bike entschieden.

 

Fundstück: Erinnerung

... Es ist seltsam, dass es Jahre gibt in meinem Leben, an die ich kaum Erinnerungen habe, die scheinbar spurlos an mir vorübergegangen sind. Selbst wichtige Ereignisse, die in meiner Biographie tiefe Spuren hinterlassen haben, die Wendepunkte waren, erinnere ich oft nicht, als hätten sie ohne meine Anwesenheit, ohne mein Zutun stattgefunden. Und dann wieder gibt es kleine Szenen, die vermeintlich ohne Bedeutung sind und die mir doch nach zwanzig oder dreißig Jahren so präsent sind, als hätte ich sie eben erst erlebt ...

(Peter Stamm, Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt, S.Fischer 2018)

Innen und außen

Kürzlich ein sehr anregendes Gespräch geführt. Vor allem zwei Fragen bleiben in Erinnerung, die mein Gegenüber und ich in der praktischen Schreibarbeit unterschiedlich beantworten. Erstens: F. schreibt von innen nach außen. Das sich schrittweise entpuppende Innenleben der Figuren, das individualpsychologische Moment trägt die zu erzählende Geschichte und bestimmt deren Bahnen. Es wird viel gedacht. Ich dagegen entwickle die Geschichte aus den Beziehungen der Figuren untereinander. Es gibt mehr Einflussfaktoren, die den Fortgang und die Wendungen – und die Figuren! – bestimmen. Es wird gern geredet, immer wieder zusammen gegessen. Zweitens: Ich schreibe recht schnell, ganze Passagen und Kapitel „am Stück“. Mich treiben die Figuren, die „immer weiter“ wollen. Die Überarbeitung, die Feinarbeit, die großen und die klitzekleinen Korrekturen folgen nach dem Schreiben des letzten Satzes – in drei, vier oder auch fünf Durchgängen. F. ist penibel. Jeder Satz, jeder einzelne Gedanke muss in die richtigen, passenden Worte gefasst werden. Die Korrektur, Verbesserung, Perfektionierung muss hier und jetzt geschehen. Sonst gibt es kein „Weiter“. Am Ende unseres Beisammenseins bleibt ein Drittes: Ich skizziere in Gesprächen gern erzählend Schlüsselszenen und entscheidende Gedanken aus meinen Romanen. F. kann eigene Schlüsselsätze so zitieren, als handele es sich um Kants „Phänomenologie“.