Erfahrungen & Vorhaben

Raum und Zeit (I)

Raum und Zeit, wo und wann. Eine alte fundamentale Frage der Philosophie. Es geht um Koordinaten im Leben und auch des Schreibens. Am Beispiel von vier Erzählungen aus Blicke und Begegnungen (Norderstedt 2020, ISBN 9783750430945) will ich die Problematik und die für die jeweilige Geschichte gefundene „Lösung“ kurz erläutern.

In Der Junge mit der Luftpumpe wird von einer nur wenige Minuten dauernden und von der Hauptfigur bruchstückhaft berichteten Erinnerung erzählt. Beide stehen im Mittelpunkt. Obwohl skizzenhaft ein Tal, ein nahes und ein entfernteres Dorf und eine Kreisstadt erwähnt werden, ist der zentrale Ort der Handlung ein einzelnes Zimmer, ja, noch nicht einmal das, nur ein Schaukelstuhl. Die kurze Geschichte findet ihren Höhepunkt in einer glücklichen Erinnerung, nachdem ein ganzes Leben erzählt wurde.

Nicht eins, sondern gleich zwei „ganze Leben“ schreitet Place de la Bastille, 17:30h ab. Die Erzählung, deren Handlung in einem vielleicht zweistündigen Abendessen in einem Hotelrestaurant in Perros-Guirec besteht, streift viele Orte und Regionen Frankreichs. Die titelgebende Orts- und Zeitangabe ist für die beiden Hauptfiguren von besonderer Bedeutung.

Ganz anders Der ergaunerte erste Kuss. Der Erzähler begleitet seine Hauptfigur über Jahrzehnte durch dessen Leben. Jede der insgesamt sieben Episoden hat ihren eigenen Ort. Und ihren besonderen Zeitpunkt, der einmal Minuten, ein anderes Mal einige Stunden ausmacht, oder dessen Dauer unbestimmt bleibt. Der Reiz der wechselvollen Geschichte besteht für mich darin, wieviel Lebenszeit (und Orte) hinter und wieviel vor der Figur liegen.

Vom Aufeinanderprallen von Lebensgeschichten handelt die Begegnung am Cap Fréhel. Die Handlung hat einen  recht klaren zeitlichen Rahmen: ein Nachmittag und Abend. Der Ort ist ebenso deutlich umrissen: ein kleines bretonisches Hotel. Die Geschichte holt trotzdem weit aus, sie lebt von Zufälligkeiten und vom "doppelten Boden" bzw. der Duplizität der Ereignisse und Protagonisten.


Verdrängt: Jugoslawien

 Es war nicht geplant. Kein „Thema“, das absichtsvoll angesprochen oder das erzählend „behandelt“ werden sollte. Beim Schreiben drängte es sich dann aus sehr unterschiedlichen Gründen auf.

Die „Wolkenschieber“ standen Anfang der 90er an einer Weggabelung. Andreas versucht seinen Kurs zu halten, Benno geht nahezu unbeabsichtigt in eine andere Richtung. Ausgesprochen wird dies von den beiden Freunden eher beiläufig. Die Folgen sind jedoch essenziell. Im dritten Teil des zweiten Romans – „Das andere Land“ – sind die Neunziger schon längst Geschichte. Serben und Albaner stranden in Deutschland. Die Ergebnisse und Folgen des Jugoslawienkriegs sind nur noch eine private Herausforderung für zwei Protagonisten – und für eine davon auffällig unberührte junge Frau.

Dass sich mir – als Autor – Jugoslawien in beiden Geschichten so stark aufgedrängt hat, liegt, so meine Erklärung, an der eigenen jahrelangen Verdrängung dessen, was sich warum und wie in der erzählten Zeit im ehemaligen Vielvölkerstaat Jugoslawien ereignet hat.

 

Fundstück: Erinnerung

... Es ist seltsam, dass es Jahre gibt in meinem Leben, an die ich kaum Erinnerungen habe, die scheinbar spurlos an mir vorübergegangen sind. Selbst wichtige Ereignisse, die in meiner Biographie tiefe Spuren hinterlassen haben, die Wendepunkte waren, erinnere ich oft nicht, als hätten sie ohne meine Anwesenheit, ohne mein Zutun stattgefunden. Und dann wieder gibt es kleine Szenen, die vermeintlich ohne Bedeutung sind und die mir doch nach zwanzig oder dreißig Jahren so präsent sind, als hätte ich sie eben erst erlebt ...

(Peter Stamm, Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt, S.Fischer 2018)

Innen und außen

Kürzlich ein sehr anregendes Gespräch geführt. Vor allem zwei Fragen bleiben in Erinnerung, die mein Gegenüber und ich in der praktischen Schreibarbeit unterschiedlich beantworten.

Erstens: F. schreibt von innen nach außen. Das sich schrittweise entpuppende Innenleben der Figuren, das individualpsychologische Moment trägt die zu erzählende Geschichte und bestimmt deren Bahnen. Es wird viel gedacht. Ich dagegen entwickle die Geschichte aus den Beziehungen der Figuren untereinander. Es gibt mehr Einflussfaktoren, die den Fortgang und die Wendungen – und die Figuren! – bestimmen. Es wird gern geredet, immer wieder zusammen gegessen.

Zweitens: Ich schreibe recht schnell, ganze Passagen und Kapitel „am Stück“. Mich treiben die Figuren, die „immer weiter“ wollen. Die Überarbeitung, die Feinarbeit, die großen und die klitzekleinen Korrekturen folgen nach dem Schreiben des letzten Satzes – in drei, vier oder auch fünf Durchgängen. F. ist penibel. Jeder Satz, jeder einzelne Gedanke muss in die richtigen, passenden Worte gefasst werden. Die Korrektur, Verbesserung, Perfektionierung muss hier und jetzt geschehen. Sonst gibt es kein „Weiter“.

Am Ende unseres Beisammenseins bleibt ein Drittes: Ich skizziere in Gesprächen gern erzählend Schlüsselszenen und entscheidende Gedanken aus meinen Romanen. F. kann eigene Schlüsselsätze so zitieren, als handele es sich um Kants „Phänomenologie“.