Juni 2020

Fundstücke: Der Zahn der Zeit

Mehr als alles andere fürchte ich die Zeit. Wenn ich Freunde nach Jahrzehnten treffe, stemme ich mich inzwischen mechanisch gegen die Melancholie, in ihrem Gesicht meine eigene Vergänglichkeit gespiegelt zu sehen. Auch die Schönste des Schulhofs stellte ich mir, um der Enttäuschung vorzubeugen, mit allen Schattierungen des Alters vor, stämmig und faltig geworden, die Lippen brüchig, die Mundwinkel nach unten gerutscht ... eine vergrämte, ältere Frau, die nichts mit der lebensfrohen Abiturientin gemein hat als den Namen und allenfalls äußere Merkmale wie die Nase, die sich zur Spitze hin leicht nach oben wölbt.

(Navid Kermani, Sozusagen Paris, Rowohlt 2018)

 

August 2020

Fundstücke: Ich? Ich!

Der Eingang des Hotels lag in einem nur schwach beleuchteten niedrigen Laubengang, die Glastür war verriegelt. Ich drückte die Nachtglocke. Erst während ich wartete, merkte ich, wie betrunken ich war. Ich lehnte mich mit einer Hand an das kalte Glas. Nach einigen Minuten klingelte ich noch einmal. Ich erinnerte mich an die Kontrollgänge während meiner Zeit als Nachtportier. (…) Endlich hörte ich eine Tür knallen und sah kurz darauf Bewegung im Flur, die innere Glastür ging auf, und ein junger Mann kam auf mich zu. Während er am Schloss herumhantierte, sah ich sein Gesicht neben der Spiegelung meines eigenen, aber erst als er mir die Tür aufhielt, erkannte ich, dass er ich selbst war.

(Peter Stamm, Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt, S. Fischer 2018)

Ich spürte die reine weiße Wand an meinem Rücken. Das schwach gerillte Muster unter meinem Handteller, als ich ihn auf die Tapete legte. Den kühlen Stahl an meiner Wange, als ich den Kopf an den Aktenschrank lehnte. Die sanfte Bewegung, wenn die Schublade auf ihren Metallschienen auf und zu glitten. Die Ordnung. Ich zählte die Tapetenbahnen an der Längsseite. Kam auf fünf. Nach kurzer Zeit fühlte ich mich wieder fitter. Ich musterte mich im Spiegel und sah, dass ich wieder mein altes Ich war. Ich sah unverschämt frisch aus. Ich rückte die Krawatte gerade und ging in das Büro hinaus.

(Jonas Karlsson, Rummet, 2009; dt.: Das Zimmer, Luchterhand 2016)

 

Mai 2020

Fundstücke: Voreheliche Szenen in Middlemarch

Doch das Hindernis hatte er selbst freiwillig herbeigeführt, als er zu dem Schluss gelangt war, es sei nun an der Zeit, sein Leben mit den Reizen weiblicher Gesellschaft zu schmücken, mit dem Zeitvertreib weiblicher Interessen die Schwermut zu erheiteren, der die Zeiträume zwischen ernsthaften Studien unterlagen, und sich so in seinem besten Alter des Trostes weiblicher Fürsorge für seine späteren Jahre zu vergewissern. So hatte er beschlossen, sich dem Strom der Gefühle zu überlassen, und fand es vielleicht überraschend, welch ausnehmend seichtes Bächlein das war. (...)

... und die Hochzeitsvorbereitungen gingen ihren Gang und verkürzten die Wochen der Verlobungszeit. Die Braut sollte ihr künftiges Zuhause besichtigen und sagen, welche Veränderungen sie wünschen mochte. Frauen dürfen vor der Heirat ihre Wünsche äußern, damit sie danach Geschmack an der Unterwerfung finden. (...)

Mit freudiger Empfindung ging Dorothea durch das Haus. Alles kam ihr geheiligt vor: Dies sollte das Zuhause ihres Ehelebens sein, und sie sah Mr. Casaubon mit vertrauensvollem Blick an, als er sie eigens auf einzelne Arrangements hinwies und sie fragte, ob sie Veränderungen wünsche. Für die Rücksicht af ihren Geschmack war sie dankbar, aber sie hatte keine Änderungswünsche.

(...)

Jeder Nerv und jeder Muskel Rosamonds war darauf eingestellt, dass man sie beachtete. Sie war von Natur aus eine Schauspielerin, deren Rollen sich in ihrer physique ausdrückten, und sie spielte ihren eigenen Charakter so gut, dass sie nicht wusste, dass es tatsächlich ihr Charakter war. (...)

Und dennoch war dieses Ergebnis namens Liebe auf den ersten Blick, das Rosamond als gegenseitigen Eindruck auffasste, genau das, was sie im Vorhinein erwogen hatte. Seit der bedeutenden Ankunft des Arztes in Middlemarch hatte sie sich eine kleine Zukunft ausgemalt, deren Anfang etwas wie diese Szene bilden  musste. Fremde (...) übten schon immer eine den Umständen geschuldete Faszination auf den jungfräulichen Geist  aus, der kein heimatliches Verdienst gleichkommen kann. Und ein Fremder war unentbehrlich für Rosamonds gesellschaftliche Romanze, die immer einen Liebhaber und Bräutigam zum Inhalt gehabt hatte, der kein Middlemarcher war, sondern  aus anderen Verhältnissen stammte als sie selbst ...

(George Eliot, Middlemarch, Rowohlt 2019)

 

 

Oktober 2019

Verdrängt: Jugoslawien

Es war nicht geplant. Kein „Thema“, das absichtsvoll angesprochen oder das erzählend „behandelt“ werden sollte. Beim Schreiben drängte es sich dann aus sehr unterschiedlichen Gründen auf.

Die „Wolkenschieber“ standen Anfang der 90er an einer Weggabelung. Andreas versucht seinen Kurs zu halten, Benno geht nahezu unbeabsichtigt in eine andere Richtung. Ausgesprochen wird dies von den beiden Freunden eher beiläufig. Die Folgen sind jedoch essenziell. Im dritten Teil des zweiten Romans – „Das andere Land“ – sind die Neunziger schon längst Geschichte. Serben und Albaner stranden in Deutschland. Die Ergebnisse und Folgen des Jugoslawienkriegs sind nur noch eine private Herausforderung für zwei Protagonisten – und für eine davon auffällig unberührte junge Frau.

Dass sich mir – als Autor – Jugoslawien in beiden Geschichten so stark aufgedrängt hat, liegt, so meine Erklärung, an der eigenen jahrelangen Verdrängung dessen, was sich warum und wie in der erzählten Zeit im ehemaligen Vielvölkerstaat Jugoslawien ereignet hat.

 

 

Dezember 2019

Die ziellose Flucht einer mutigen  Frau

Eine in der Sache banale Geschichte. Berlin, Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre: Eine gutbürgerlich verheiratete junge Frau – ihr Ehemann ist Landgerichtsrat am Bezirksgericht in Moabit –, Mutter zweier kleiner Kinder, verliebt sich Knall auf Fall in einen amerikanischen Geschäftsmann. Eine zufällige, auf den ersten Blick kurze und harmlose Liebelei. Doch eine mit Folgen. Sie folgt ihm auf Zuruf für ein kurzes Wochenende zum titelgebenden Rendezvous in Paris (Edition Ebersbach 2012; Originalausgabe: Das große Einmaleins, Querido Verlag, Amsterdam 1935). Sie wagt den Schritt, der – das weiß und riskiert und will sie – ihre Ehe und ihr bisheriges Leben beenden würde. Er dagegen, in Flirts geübt und angemessen verabschiedet von einer Pariser Daueraffäre sowie begleitet von seiner aus England anreisenden Ehefrau, kehrt wieder in die USA zurück. Sie besteigt am selben Tag ein Flugzeug Richtung Deutschland.

Eine raffiniert erzählte Geschichte. Vicki Baum lässt die erzählten Tage – Dienstag, Mittwoch, Freitag, Samstag – jeweils aus der Perspektive von Evelyn Droste („Sie“), aus der von Frank Davis („Er“) und der von Kurt Droste („Der Mann“) Revue passieren. Dieser Erzählkniff ermöglicht es, die gravierenden Unterschiede hinsichtlich der Erwartungen, Empfindungen, Wertungen und Schlussfolgerungen (vor allem des Liebespaares) offenzulegen, ohne dass diese von den Protagonisten selbst und direkt thematisiert werden müssten. Zudem macht Baums Erzählweise deutlich, welche „großen“ und welche „kleinen“ Geschehnisse an besagten Tagen bei Evelyn Droste und welche bei Frank Davis Erschütterungen und Sehnsüchte provozieren oder eben einfach nur zur Kenntnis genommen beziehungsweise schlicht „übersehen“ werden. „Er“ und „Sie“ sind weniger als ein Paar.

Ein Melodram mit Tiefgang und Witz. „Der Mann“ ist lange Zeit ahnungslos. Er ist mit seiner Ehe eigentlich zufrieden und zudem rund um die Uhr mit einem ihn stark beschäftigenden Mordprozess befasst. Er spürt die Unzufriedenheit seiner Frau, hat aber keine Vorstellung von den Gründen und der Tragweite ihrer Frustration und Fluchtgedanken. Er sorgt sich mehr um die nicht bezahlte Gasrechnung und die Kosten der Haushaltsführung. Er muss unbedingt die nächste Stufe der Karriereleiter schaffen, um sorgenfrei und dauerhaft zur gutbürgerlichen Gesellschaft des Berliner Westens zu gehören. Frank Davis handelt mit kalifornischen Zitrusfrüchten, überschlägt seinerseits rund um die Uhr mögliche Margen und die gerade noch akzeptablen Abgabepreise. Verhandlungen mit deutschen und französischen Importeuren sind der eigentliche Grund seines Europa-Trips.

Baums Roman kommt mit wenig Personal aus: Evelyn, die ihre Sehnsüchte teuer bezahlt. Ein smarter Ami. Ein keineswegs unsympathischer Ehemann. In einer wichtigen Nebenrolle: Marianne, die gute Freundin beider Drostes. Die anderen sind Staffage.

Vicki Baum bedient sich eines lapidaren Stils, die Nähe zur Neuen Sachlichkeit ist nicht zu übersehen. Sie kennt ihr Milieu. Sie bricht immer wieder Leseerwartungen, sie rührt an Tabus. Vicki Baum ist eine genau hinschauende, humorvolle, zu ihrer Zeit sehr erfolgreiche, heute leider – wie ihre Zeitgenossin Irmgard Keun – zu Unrecht weitgehend vergessene große Chronistin des Berlins der Endzwanziger und seiner Frauen. Die Verfilmungen ihrer Romane waren Kassenschlager. Von den Nazis als „jüdische Asphaltliteratin“ diffamiert, emigrierte sie bereits 1932 in die USA, wo sie 1960 starb.

 

November 2019

Fundstück: Erinnerung

... Es ist seltsam, dass es Jahre gibt in meinem Leben, an die ich kaum Erinnerungen habe, die scheinbar spurlos an mir vorübergegangen sind. Selbst wichtige Ereignisse, die in meiner Biographie tiefe Spuren hinterlassen haben, die Wendepunkte waren, erinnere ich oft nicht, als hätten sie ohne meine Anwesenheit, ohne mein Zutun stattgefunden. Und dann wieder gibt es kleine Szenen, die vermeintlich ohne Bedeutung sind und die mir doch nach zwanzig oder dreißig Jahren so präsent sind, als hätte ich sie eben erst erlebt ...

(Peter Stamm, Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt, S.Fischer 2018)

 

Oktober 2019

Innen und außen

Kürzlich ein sehr anregendes Gespräch geführt. Vor allem zwei Fragen bleiben in Erinnerung, die mein Gegenüber und ich in der praktischen Schreibarbeit unterschiedlich beantworten.

Erstens: F. schreibt von innen nach außen. Das sich schrittweise entpuppende Innenleben der Figuren, das individualpsychologische Moment trägt die zu erzählende Geschichte und bestimmt deren Bahnen. Es wird viel gedacht. Ich dagegen entwickle die Geschichte aus den Beziehungen der Figuren untereinander. Es gibt mehr Einflussfaktoren, die den Fortgang und die Wendungen – und die Figuren! – bestimmen. Es wird gern geredet, immer wieder zusammen gegessen.

Zweitens: Ich schreibe recht schnell, ganze Passagen und Kapitel „am Stück“. Mich treiben die Figuren, die „immer weiter“ wollen. Die Überarbeitung, die Feinarbeit, die großen und die klitzekleinen Korrekturen folgen nach dem Schreiben des letzten Satzes – in drei, vier oder auch fünf Durchgängen. F. ist penibel. Jeder Satz, jeder einzelne Gedanke muss in die richtigen, passenden Worte gefasst werden. Die Korrektur, Verbesserung, Perfektionierung muss hier und jetzt geschehen. Sonst gibt es kein „Weiter“.

Am Ende unseres Beisammenseins bleibt ein Drittes: Ich skizziere in Gesprächen gern erzählend Schlüsselszenen und entscheidende Gedanken aus meinen Romanen. F. kann eigene Schlüsselsätze so zitieren, als handele es sich um Kants „Phänomenologie“.

 

Dezember 2019

Fundstück: Minispaten

... Die Soldaten machten sich maulend ans Schaufeln. Soldaten maulen immer, vor allem wenn sie Dinge tun müssen, zu denen sie keine Lust haben, und wer hat schon Lust, ein Gemeinschaftsgrab zu schaufeln, das auch noch ordentlich, das heißt, tief genug sein soll, was weiter heißt, dass sie große Mengen Erde ausheben müssen. Die Erde war nach dem vielen Regen zwar weich (und duftend), aber die Militärspaten sind eigentlich Minispaten, so dass für die gleiche Menge Erde, die ein richtiger Totengräber mit einem richtigen Spaten herausbefördert, der Soldat mindestens fünf, sechs Mal ansetzen muss. Jedem wäre das zu viel, nicht nur einem Soldaten, das steht fest, so wie es feststeht, dass jeder und nicht nur ein Soldat in dieser Situation intensiv an seinen eigenen Tod dächte und daran, wer wohl sein Grab schaufeln würde. Das ist eine echte Stresssituation, aber wenn man bedenkt, was sie alles umfasst, musste man froh sein, dass die Soldaten nur ein bisschen maulten ...

(David Albahari, Kontrolni punkt, Belgrad 2010; dt.: Kontrollpunkt, Schöffling & Co. 2013)

 

Dezember 2019

Fundstück: Immer und ewig

… Das Schlimmste war, dass er mich in diese ziellose Routine mit hineingerissen hat, ein reines Kreisen des einen um den anderen, ein gegenseitiges Verschlingen bei immer weniger Appetit. (…) Ich begann, Michel als gefangene Kreatur zu sehen, die mich zu sich in den Käfig stecken wollte. Wenn er vom Krankenhausbett aus die Hand zu einer Berührung ausstreckte, den Blick voller Verlangen, meinte ich, bei ihm den wahnwitzigen Anspruch zu erkennen, von dem wir in Grusel-geschichten lesen, in romantischen Romanen und in den von den Surrealisten geschätzten Phantasmagorien: der Wunsch nach Liebe, die den Tod überdauert …

(Rafael Chirbes, Paris-Austerlitz, Barcelona 2016; dt.: Paris-Austerlitz, Antje Kunstmann 2016)

 

November 2019

Freier Fall: Als Objekt ist sie verloren

Adèle ist gut situiert, mit einem Klinikarzt verheiratet, hat einen kleinen Sohn, sie ist als Journalistin anerkannt, die Wohnung im 18. Arrondissement am Montmartre ist großzügig. Ihr fehlt es an allem, was ihr Leben lebenswert machen würde. Sie sucht und findet. Sie spielt nicht, trinkt nicht, gibt nicht Unsummen in Boutiquen aus, wettet nicht auf Pferde und hat keine kleine pikante Affäre. Adèle zieht los und sucht Sex, mit beliebigen Männern, an beliebigen Orten, zu jeder Zeit. Harten, brutalen Sex. Körperliche Verletzungen, gewollt und goutiert, gehören dazu. Ficks, die auch mal in Blut und Kotze enden.

Sie nimmt nicht, sie will genommen werden. „Sie will nur ein Objekt inmitten einer Meute sein. Gefressen, ausgesaugt, mit Haut und Haaren verschlungen werden. (…) Sie will eine Puppe im Garten eines Ungeheuers sein.“ Dans le jardin de l’ogre lautet deshalb auch der Titel der französischen Originalausgabe des 2015 Aufsehen erregenden Debüts von Leila Slimani. Die bei Luchterhand 2019 erschienene deutsche Ausgabe verweist mehr auf das, was die Protagonistin hinter sich lassen will: All das zu verlieren. (Die englischsprachige Ausgabe ist schlicht mit Adèle betitelt.)

Die Heirat mit Richard war keine Liebesheirat („Ich habe ihn geheiratet, weil er mich gefragt hat. Er war der Erste und bisher der Einzige. Er hatte mir was zu bieten.“). Der kleine Sohn Lucien, anhänglich und unerzogen, „ist eine Last, eine Verpflichtung, an die sie sich einfach nicht gewöhnen kann“. Und ihr Dasein als gefragte Journalistin? „Adèle mag ihren Beruf nicht. Sie hasst die Vorstellung, dass sie arbeiten muss, um davon zu leben.“ Die Liste der öden Zustände und nicht erfüllten Wünsche ließe sich fortsetzen. Man kennt sie – aus dem Leben und aus der Literatur. Auch die da wie dort immer wieder gesuchten Auswege, Fluchten und alternativen Entwürfe sind bekannt. Adèle wählt das Extrem. Sie fällt und will fallen. Unendlich tief.

Die Vorgeschichte? Adèle wollte dazugehören und wie die anderen sein. "Indem sie Ehefrau und Mutter wurde, hat sie sich mit einer schützenden Aura der Achtbarkeit umgeben ..." Ein Schutzschild, hinter dem Leichtsinn und Liebeleien Platz haben könnten? Eben nicht. Ein letztlich unerheblicher Schutzschild für ihre Sucht, von der sie weiß und die sie lebt. Sexsucht, von der sie sich immer nur für ein paar Tage – bedingt durch äußere Umstände oder wegen erheblicher körperlicher Blessuren – befreien kann. Gier nach Sex, die nichts Befreiendes hat und deren Ausleben Adèle immer stärker beschädigt zurücklässt. Begierde endet in Selbstverstümmelung. 

Warum? Wie viele Mädchen hat Adèle dies erlebt: Onkel, die ein Auge auf sie warfen. Der fette Nachbar, dem sie unterm Küchentisch zu Diensten sein musste. Ein Bummel (an der Hand ihrer Mutter) durch das Viertel rund um den Place Pigalle und den Boulevard de Clichy, der bei der Zehnjährigen Erstaunen und Entsetzen hinterlässt:  „Niemals, weder in den Armen der Männer noch bei ihren Spaziergängen auf demselben Boulevard Jahre später, hatte sie je wieder dieses magische Gefühl, das Niedere und Obszöne, die bourgeoise Perversion und das menschliche Elend so mit der Hand greifen zu können.“ Mit fünfzehn Jahren dann „das erste Mal“, missglückt, anders als erhofft und erträumt, mit einem Siebzehnjährigen auf dem Betonboden einer Garage statt im Bett eines Strandhauses, angetrunken, überhastet. Sie hatte großmäulig behauptet, „es“ schon mal getan zu haben. Das Ende vom Lied: „Sie fühlte sich zugleich schmutzig und stolz, gedemütigt und siegreich.“ Sie verschlingt Kunderas Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins und liest immer wieder bestimmte Stellen. „Sie wiederholt diese Sätze wie ein Mantra.“ Adèle kann dem Sog nicht widerstehen. „Ihr ging es nicht um die Körper, sondern die Situation. Genommen werden. (…) Die Erotik bemäntelte alles. Sie verbarg die Trivialität, die Nichtigkeit der Dinge. Sie schärfte die Konturen ihrer Schülerinnennachmittage …“

Rund zwei Jahrzehnte später ist alles beim Alten. Richard, der schon immer treusorgende Ehemann (der Sex nie wirklich interessant fand), hat gegen Adèles Willen ein Haus in der Normandie gekauft und sich an einer Klinik in Lisieux beteiligt. Das Paar verlässt Paris, lässt alles hinter sich. Die Wohnung ist gekündigt, Möbel, Kleidung, Bücher, auch Bilder und sogar Fotoalben bleiben zurück. Adèle hat ihre Arbeit geschmissen. Richard will neu anfangen. „Er hat sich für Adèle ein neues Leben vorgestellt, in dem sie vor sich selbst und ihren Trieben in Sicherheit wäre. Ein Leben, bestehend aus Zwängen und Gewohnheiten.“

Adèle lebt jetzt leblos in der Provinz.

Und weiter? Nichts. Richard träumt am Ende davon, dass die Sucht mit dem Alter versiegt. Er, der seine Frau niemals mehr berührt hat, spürt bereits seine liebende Hand auf dem Körper der alten, sehr alten Adèle. „Adèle wird zur Ruhe kommen.“ Doch ihm bleibt nur der Traum, denn Adèle ist wieder nach Paris gefahren und nicht zurückgekehrt. Sie bleibt verschwunden mit ihren Sehnsüchten. Sie ist und bleibt zerrissen. Immer wieder verspürt sie „ebenso grenzenloses Entsetzen wie grenzenlose Freude“.

Und sonst? Schön beschriebene und sezierte Szenen, die den freiwilligen tiefen Fall Adèles weder aufhalten noch beschleunigen: Die kleinbürgerlichen Herkunftsfamilien, durch anderthalb soziale Treppenstufen voneinander getrennt; die immer gleichen Besuche bei beiden Elternpaaren zu Weihnachten und Silvester; Mutter und Schwiegermutter als ewige Last; Richard als der gute Sohn und als ein noch besserer Fang; Adèle als schlechte Köchin; der stumme Vater, der als freier Algerier in Moskau studieren konnte, den niemand jemals verstand und neben den sich Adèle nackt aufs Totenbett legt; die Freundin Lauren, die von Anfang an (fast) alles weiß und mit der Adèle gern eine Liebesnacht verbracht hätte, die aber – so wird erzählt – zum Glück nicht stattfand und  in einem Fiasko geendet hätte.

Slimani bedient sich einer detailreichen, aber verknappenden Erzählweise. Das Schreiben im Präsens unterstreicht das Unmittelbare und sorgt für ein hohes Tempo. Ein fulminanter Erstling, der an wenigen Stellen ins Schlingern gerät. Ein sehr mutiges Buch. Ob Adèles Weg – wie manche Rezensentin behauptet – weibliche Sexualität in einem neuen, nicht männlichen, emanzipativen Licht erscheinen lässt und die Lektüre befreiende Erkenntnisgewinne verspricht … – die Antwort können nur Frauen geben.

 

Januar 2020

Fundstück: Regelverletzung im Gleichklang

… Auch wenn die Brücke keine klare Regel darüber kennt, wo die Kandidaten während des Programms zu leben haben, steht fest, dass eine private Unterbringung bei Babak oder Britta komplett gegen die Idee des Verfahrens verstößt. Es gilt, Distanz zu halten, sich nicht zu identifizieren und schon gar nicht anzufreunden. Vor allem macht es Britta fassungslos, dass Babak ihr nichts von der neuen Wohngemeinschaft erzählt hat. Allerdings hat sie ihm auch nichts von Guido Hatz erzählt, jedenfalls bis heute, denn eigentlich ist sie hergekommen, um mit ihm darüber zu sprechen. Der Gleichklang zwischen ihnen ist so perfekt, dass sie sogar zeitgleich Geheimnisse voreinander haben …

(Juli Zeh, Leere Herzen, Luchterhand 2017)

 

Dezember 2019

Versager, Handlanger und Mörder

Manche Kritiker sprechen bereits von der „Methode Vuillard“. Auch das jüngste Werk des französischen Schriftstellers Éric Vuillard liefert diesen eigentümlichen Mix aus Bericht und Erzählung, aus historischen und politischen Fakten einerseits und deren fiktionaler Einbettung und Ausformulierung andererseits. Bis hin zum nebensächlichsten Detail welthistorisch bedeutender Ereignisse, bis hin zum noch so banalen Tun der versagenden, nieder-trächtigen, mordenden Protagonisten.

Die Tagesordnung (Matthes & Seitz 2018) beginnt mit dem 20. Februar 1933. An diesem Tag begrüßt Reichstagspräsident Göring 24 namentlich bekannte Herren, Bankiers und Großindustrielle, die Hitlers Wahlkampf-Sammelbüchse füllen sollen und dann auch füllten. Opel, Siemens, Krupp, IG Farben, Flick, Tengelmann, BASF, Bayer, Allianz, Agfa, Quandt, von Finck usw. usf. steht in der ersten oder eben in der zweiten Zeile ihrer Visitenkarten. Sie alle, die Herren im Gehrock und ihre Konzerne haben den Spuk, der am Ende weit über 50 Millionen Menschen das Leben kosten sollte, überlebt. Das versprochene Tausendjährige lag in Trümmern. Doch die deutsche Wirtschafts- und Arbeitgeber-geschichte konnte unbeschädigt weitergeschrieben werden. Das geheime Treffen vom 20. Februar ist heute kein Geheimnis mehr. Doch so knapp und beiläufig und demaskierend wie Vuillard hat es meines Wissens noch niemand beschrieben.

Zum Schmunzeln, zum Verzweifeln und Nachdenken verleiten auch die Episoden rund um den März 1938 und die Einverleibung Österreichs in das Deutsche Reich. Der österreichische Kanzler Schuschnigg, Austrofaschist und selbsternannter Frontführer, wird anlässlich seines Besuchs bei Hitler im Berchtesgadener Berghof in seiner ganzen Armseligkeit, Großmannssucht und Liebedienerei vorgeführt. Der französische Präsident Albert Lebrun hatte in der historischen Stunde, in der Hitlers Ultimatum auf Schuschniggs Schreibtisch lag, anderes, wichtigeres zu tun. Für einige Lagenweine mussten Herkunftsbezeichnungen geregelt werden, das geplante Budget der staatlichen Lotterie erforderte seine Aufmerksamkeit. Sein Premier Daladier sollte dann später im Jahr mit Britannias Premier Chamberlain und mit reinem Gewissen nach München reisen.

Chamberlain übrigens wird uns von Vuillard als privater Gastgeber (weil ehemaliger Wohnungsvermieter) Ribbentrops vorgestellt. Im Rahmen eines Abschiedsessens zeigt sich der großmäulig auftretende Deutsche (bislang Botschafter in London, neuerdings Außenminister in Hitlers Regierung) zusammen mit seiner Gattin als zunehmend lästiger Gast. Der Abend zieht sich, der Kaffee und die Schnäpse sind längst getrunken, die Gastgeber sind müde, doch die Gäste kleben in ihren Sesseln. Eine köstliche Szene. Der zähe Ausklang des langweiligen Abends wird zu später Stunde durch einen Boten des britischen Außenministeriums unterbrochen. Für Chamberlain & Co. (auch Churchill u.a. sind anwesend) ist mit der überbrachten geheimnisvollen Nachricht der Abend sozusagen endgültig im Eimer, man bittet um Entschuldigung und zieht sich zurück. Die deutschen Gäste zeigen Verständnis, verabschieden sich und feixen auf dem Nachhauseweg. Weil sie schon vor dem Abendessen wussten, was die Nachricht besagt: deutsche Truppen sind in Österreich einmarschiert.

Es folgen weitere groteske Ereignisse, bekannte und unbekannte, wirkliche und unwirkliche Begebenheiten. Sie werden vom Filmemacher Vuillard großartig in Szene gesetzt. Etwa ein Telefonat Görings mit Ribbentrop, das später, während der Nürnberger Prozesse, eine Rolle spielt. Der senile Gustav Krupp sieht kurz vor der Flucht aus der Villa Hügel keine Geister, sondern Zehntausende tote Zwangsarbeiter, die ihm die SS besorgt hatte, und fragt: „Wer sind eigentlich all diese Leute?“ Und derweil wienert der emigrierte deutsche Jude Stern im riesigen Requisitenlager des Kostümverleihs Hollywood Custom Place bereits zu einer Zeit SA- und SS-Stiefel, als dieses Schuhwerk im fernen Europa noch von leibhaftigen Menschenschindern und Mördern getragen wurde. Der Reigen schließt sich: Lapidar schildert Vuillard auf den letzten Seiten auch die Selbsttötung von vier Männern und Frauen im Wien des März 1938 und kommentiert, deren Leid sei etwas Kollektives und deren Suizid das Verbrechen eines anderen.

Gerade einmal 100 Seiten, die den Eindruck hinterlassen, man habe einen sehr dicken Wälzer und ein flottes Drehbuch und einen amüsanten Comic und eine buchhalterisch korrekte unendliche Totenliste gelesen. Verstörend.

 

Dezember 2019

Preisrätsel für aufmerksame Leseratten

Meine beiden Romane – Wolkenschieber oder Drei Sommer am Cap und Das andere Land oder Siesta am Kanakenbunker – haben „eigentlich“ nichts miteinander zu tun. Und doch tauchen einige Figuren in beiden Geschichten auf oder werden dort zumindest namentlich erwähnt. Um wen handelt es sich?

 Wer mir bis zum 31. Janaur 2020 zuerst die Namen der Personen via Kommentar oder per E-Mail nennt, der oder die bekommt meinen im Frühjahr erscheinenden Erzählungen-Band geschenkt.

Und hier die Auflösung: Vier Figuren tauchen in beiden Romanen auf, davon jedoch nur eine "wirklich". Connie, eine der vier Hauptfiguren im Wolkenschieber-Roman, stößt im Roman Das andere Land nach längerer Abwesenheit (infolge der Geburt ihrer zweiten Tochter) wieder zur Klatsch-Clique. Zwei andere Figuren aus dem ersten Roman – Maxi und Benno – werden im zweiten nur erwähnt (Oliver will auf der Fahrt nach Rostock ggf. bei Maxi in Hamburg übernachten; Maxi hat ihrerseits – vor dem Rückflug von Frankfurt nach New York – den selben Wunsch an Oliver und Alexandra).

 Nicht alle, aber doch einige Leserinnen und Leser, die sich bei mir gemeldet haben, nannten diese drei Namen. Nur eine Leseratte – Ellen D. aus Heidelberg (herzlichen Glückwunsch!) – wusste auch den vierten Namen: Anna, die Tochter von Connie und Andreas, wird in Das andere Land als 1990 ernsthaft erkranktes Kleinkind erwähnt. In Die Wolkenschieber  genießt sie im Sommer 1992 die Ferien am Cap Fréhel und hadert 2007 ebendort mit den Gefühlen und Unsicherheiten einer Achtzehnjährigen. 

 

Oktober 2019

Werkstatt: Wenn Figuren laufen lernen

Dora, die zweite Frau und vierte Hauptfigur im "Wolkenschieber"-Roman, ist nicht nur einfach in die Handlung hineingeplatzt, sondern war mir zwischenzeitlich davongelaufen. Ihr Ehrgeiz und ihre Willensstärke waren schwer zu bändigen. Um sie nicht ganz zu verlieren, musste ihre späte Liebe, die ihr viel Sicherheit und Ruhe gegeben hätte, tödlich verunglücken. Nur so konnte die Figur Dora die alte bleiben ... voller Selbstbewusstsein, Schroffheit und prallen Attraktivität. Sie sucht. Zum ihrem und meinem Glück trifft sie Franky, den schmächtigen, redseligen Ossi, der mehr kann als es scheint, und der ihr Spaß macht. Doras größter Vorzug: Sie ist eine gute Freundin. 

 

Dezember 2019

Vorankündigung: Textanfänge

Die Arbeit an den kürzeren Texten, die ich im September angekündigt hatte, ist fortgeschritten, weit fortgeschritten. Es werden wohl insgesamt neun Erzählungen sein (darunter auch die vom Guimiliau-Besuch inspirierten), die in einem Band im kommenden Frühjahr veröffentlicht werden sollen. Um die neugierigen Besucherinnen und Besucher dieser Website noch etwas auf die Folter zu spannen, folgen hier die jeweils ersten Sätze der neun Geschichten.

Camille, seines Zeichens Oberkellner im Castel du Sphinx, freute sich, als die beiden älteren Herrschaften zum ersten Mal ein Wort wechselten. Vor vierzig Jahren hatte er zum ersten Mal das kleine Haus betreten – und zum letzten Mal. Als sie begann, sich in ihrer eigenen kleinen Welt einzurichten, hatte sie die Schläge längst vergessen. Endlich den Dreh gefunden und an den Schreibtisch gesetzt. Alenka war freundlich, hilfsbereit und fleißig. Das knisternde Kaminfeuer entwickelte eine Hitze, die, kam man von draußen, den Eintretenden wohlig umschloss, aber dem, der sich länger als zehn Minuten in der Nähe der glühenden Holzscheite aufhielt, doch ein eher unangenehmes Prickeln auf der Haut bescherte. Die Maschine würde vermutlich nur zur Hälfte besetzt sein. Das Klingeln durchschnitt die Stille. Er hatte sich nun doch für ein E-Bike entschieden.

 

 

November 2019

Fundstück: Ich und ich

… Beim geringsten Fehler stellte mich Hanna an die Wand, fesselte mich mit Bandwurmsätzen und schoss mir eine Salve Fremdwörter um die Ohren. Je wortkarger ich wurde, desto mehr raste mein Hirn. (…) Ich wusste genau, was sie beruhigte, was sie zum Lachen brachte und was sie explodieren ließ. Um mit Hanna leben zu können – und das wollte ich unbedingt –, brauchte ich ein zweites Ich, das ich ihr zu hundert Prozent vorenthielt. Ich brauchte Verstärkung, ein Außen-Ich für Hanna und ein streng geheimes Innen-Ich ganz allein für mich …

(Joachim Meyerhoff, Die Zweisamkeit der Einzelgänger, Kiepenheuer & Witsch 2017)

 

September 2019

Eine Herausforderung: Kinderstimmen

Sex, Geschlechtsverkehr, Beischlaf. Auf der Seite der Kritik wie auf der der Schriftstellerei gibt es zahlreiche Autoren, die sagen: Das Ausleben und Genießen von Sexualität sei eines der schwierigsten, wenn nicht das schwierigste Sujet des Erzählens. In meinen Augen liegt damit gleichauf: Kindern eine authentische, glaubwürdige, den Figuren angemessene Stimme zu geben.

Ein sehr krasses Beispiel dafür, wie dies misslingen kann, findet sich bei Juli Zeh, Neujahr (Luchterhand 2018). Nahezu der gesamte zweite Teil des Romans, dessen Hauptfigur Henning im ersten Teil dem beruflichen, ehelichen, familiären und Lebensfrust durch eine ihn sehr anstrengende Radtour auf Lanzarote entkommen will, erzählt von Henning als Kind. Und soll von einem dreißig Jahre zurückliegenden traumatischen Erlebnis des vierjährigen Jungen und dessen noch jüngerer Schwester berichten. Wo andere Kritiker genau auf diesen Seiten einen Psychothriller erkennen (und hoch loben), lese ich nur unendlich viele und gekünstelte Dialoge zwischen zwei Kindern. Ein Klugscheißer und ein Mädchen mit voll geschissenen Windeln. Banal, beliebig erweiterbar oder kürzbar. Der vergleichsweise kurze dritte Teil, das sei nur der Ordnung halber erwähnt – Henning ist „wieder“ erwachsen –, will dann die beiden ersten „zusammenbringen“. Folglich sind die letzten Seiten voller Küchenpsychologie. Ein misslungenes Werk.

Lesenswerter ist Der Sommer meiner Mutter von Ulrich Woelk (C.H.Beck 2019). Die erzählte Geschichte – im Mittelpunkt steht der Sommer 1969 – ist amüsant, auch spannend, und hat ihre Details und Abschweifungen weitgehend im Griff. Tobias, Hauptfigur und Ich-Erzähler, ist elf Jahre alt, regelrecht gefesselt von der bevorstehenden Mondlandung und macht in diesen Wochen erste sexuelle Erfahrungen mit einem gerade zugezogenen, zwei Jahre älteren Mädchen aus der Nachbarschaft. Hier liegt die Krux. Sagen wir es so: Quartanerinnen haben nix mit Sextanern, nie, nirgendwo, niemals. Woelk überfordert seine Hauptfigur. Handlung und Sprache, der Blick auf die Dreizehnjährige, auf Rosas Eltern und deren unkonventionelle Eigenheiten (1969!) und der verstörte Blick auf die eigene Mutter, um deren radikalen Sommer es ja am bitteren Ende geht, sind nicht stimmig. Man hätte Tobias gewünscht, dass er sich nicht zu allem und jedem druckfähig äußern muss.

Dreizehn Jahre alt ist auch Arminuta, die titelgebende Hauptfigur im 2018 bei Antje Kunstmann verlegten Roman von Donatella di Pietrantonio. Die (rückblickende) Geschichte des als Kleinkind an nahe Verwandte abgegebenen und nun wieder zwangsweise vom Meer in die Berge zurückgeschickten Mädchens wird lakonisch erzählt, von Arminuta selbst. Voller Härte und Schroffheit, voller Zärtlichkeit und stiller Zuneigung ist der Alltag in dem Abruzzendorf, aber auch der ärmliche Alltag in der vielköpfigen Familie. Arminuta, „die Zurückgekommene“, erzählt in spröden Worten, bewegt, verletzt, untröstlich, verständnisheischend, offenherzig und liebevoll. Sie erzählt, sie tut, sie erlebt und lebt. Das passt zusammen. Die Realität fordert viel von dem Mädchen, die Autorin überfordert sie nicht.

 

Oktober 2019

Parforceritt: Die postsowjetischen Neunziger

Wer sich zwei, drei Jahrzehnte nach dem Zerfall der Sowjetunion kundig machen will, wie diese Erosion im Kohlerevier, in Stahlwerken und Hafenbetrieben, in Moskauer Etagenwohnungen und Interhotels, in exklusiven Nachtclubs und auf gottverlassenen Provinzflughäfen, von einem KGBler, auf Oligarchen-Datschen und Intelligenzija-Partys, in In-Lokalen oder (vor allem!) in der Umarmung von attraktiven, geilen und klugen Russinnen vonstatten gegangen sein kann, der wird hier fündig. Der im vergangenen Jahr von Norris von Schirach als Arthur Isarin veröffentlichte Roman Blasse Helden (Knaus 2018) liefert einen Parforceritt durch die neunziger Jahre, in denen gesellschaftlicher Reichtum verhökert wurde und in schmutzige Hände fiel. Korruption und Gewalt und schier unbändiger Egoismus trieben bis dahin unvorstellbare Blüten und hinterließen tote oder lebendige Leichen.

Der Autor hat den Vorteil, diesen postsowjetischen Teufelsritt der ungeregelten und enthemmten Kapitalisierung nacherzählen zu können. Er weiß um den Verlauf und das Ergebnis dieser mittlerweile gut zwanzig Jahre zurückliegenden Periode. Er kennt deren auch heute noch aktuellen Nebenwirkungen. Manche Kritiker sagen, er liefere mit seinem Roman einen Steilpass für das dann folgende System Putin.

Von Schirach/Isarin muss nichts erklären. Der Autor bzw. seine Hauptfigur Anton – ein vom Westen frustrierter und vom Russischen angezogener Deutscher, in den Dreißigern, ohne Moral, blass und getrieben – kann Anekdote an Anekdote reihen und immer wieder Klischees bedienen. Ein bunter Reigen von kriminellen Geschäften, Besäufnissen und Melancholie. Gogol wird mehrmals bemüht und endlich mal wieder an Oblomow auf der Ofenbank erinnert. Doch vieles ist beliebig, das meiste vorhersehbar. Der Roman birgt kein Rätsel und keine Überraschung, literarisch eher Dutzendware. Er erzählt auf amüsante Weise und im gestreckten Galopp vom Untergang eines überlebten Systems.

 

November 2019

Fundstück: Buch oder Bett

… Die Bibliothek in Upleigh war der in Beechwood erstaunlich ähnlich. Es gab dieselbe Wand von Büchern, die alle so aussahen, als seien sie nie gelesen worden. (…) Falls Paul Sheringham die Bücher gelesen hatte, so hatte er das nie erwähnt. Er schien der Überzeugung, dass es an der Zeit war, in Upleigh allerlei auszumustern. Die Pferde waren schließlich auch weg. Und als sie ihm von ihrer Lektüre in Beechwood erzählt hatte (später wünschte sie, das hätte sie nie getan), hatte er gehöhnt, wie er über so vieles höhnte, und gesagt: „Diesen ganzen Plunder, Jay? Du liest dieses Zeug?“ Eine Erinnerung, dass ihre Beziehung im Wesentlichen körperlicher Art war und ins Hier und Jetzt gehörte, dass ein Gefasel über Bücher keinen Platz darin hatte …

 (Graham Swift, Mothering Sunday, 2016; dt.: Ein Festtag, dtv 2017)

 

September 2019

Inspiration in Guimilau

Ich zähle mich eher zu der schreibenden Spezies, die einen Plan hat und die relativ früh eine Vorstellung von der Struktur der Geschichte sowie deren Äußerem entwickelt. Und diese sind manchmal schwerer umzustoßen als der Verlauf der Geschichte selbst. Ich gehöre auch eher zu denen, die sagen: Spontane Idee? Ja. Inspiration? Nö. Bis jetzt.In meinen diesjährigen bretonischen Sommerferien habe ich - kundig begleitet und geleitet –  Guimiliau besucht. Eine Artischocken-Mahlzeit, der eindrucksvolle Calvaire und eine persönliche Anektode, erzählt von meinem Guide, waren offenbar derart inspirierend, dass ich in den folgenden zwei Wochen drei Kurzgeschichten geschrieben habe. Diese haben weder die Mahlzeit noch das Kulturdenkmal oder das vergebliche Erinnern eines Mannes zum Thema. Aber ohne die Anstöße dieses Mittags würde es die Geschichten nicht geben.    

 

September 2019

Enttäuschendes Ende: Eine erbröselte Ehe

Der Roman beginnt grandios. Auf wenigen Seiten zeichnet Bernard MacLaverty das Bild eines müden Paares und dessen mit den Jahren zerbröselten Ehe. Bevor die „eigentliche Geschichte“– die des winterlichen Kurztrips nach Amsterdam – erzählt wird, wissen wir, dass die Ruheständler Gerry und Stella sich nichts mehr zu sagen haben und auch von ihrem Gegenüber nicht mehr erwarten. Die minutiöse Beschreibung abendlicher Rituale und der letzten Reisevorbereitungen erzählt fast zwei ganze Leben. Auch auf amüsante Weise.

Die ehemalige Lehrerin genießt die Stunde, in der sie das Schlafzimmer noch alleine hat, zumal zu dieser Jahreszeit, mit Bettflasche. Gerry, als Architekt nicht in dem Ausmaß erfolgreich wie erträumt, hört Musik und genießt seinen Schlaftrunk. Was für Stella der Glaube, ist für Gerry der Whiskey. Beide kommen davon nicht los. Beide frösteln und witzeln, um dem ernsthaften Disput zu entgehen.

Die wenigen Tage in Amsterdam nehmen die folgenden 250 Seiten des Romans Schnee in Amsterdam (C.H.Beck 2018) ein. Der Besuch des Anne-Frank-Hauses, Spaziergänge entlang der Grachten, unspektakuläre Lokalbesuche. Beiläufiges zu beschreiben, darin besteht MacLavertys Meisterschaft. Der Aufenthalt besteht aus Routine, die unterbrochen wird durch Stellas einsame, auch frühmorgendliche Streifzüge durch die Stadt und durch Gerrys durchsichtige Anstrengungen, den erhöhten Whiskeykonsum und das Beschaffen von Nachschub zu kaschieren. Trostlos, beklemmend.

 Stella, die bereits einmal vor zig Jahren Amsterdam besucht hat, sucht und findet den Beginenhof. Ihr Entschluss, sich dem „Frauenorden“ anzuschließen, war ihr eigentliches Motiv für den Trip. Was die gläubige Katholikin, die mit ihrem ebenfalls irischen Ehemann seit vielen Jahren in Glasgow lebt, dazu bewegt hat, soll hier nicht verraten werden. Schließlich ist es „der Kern“ der Geschichte, vor allem des Parts, den Stella spielt. Gerry ist in dieser Hinsicht nahezu Beiwerk. Er scheint bis zum Schluss zu glauben, dass er seine Frau schon alleine mit deren Lieblingsbonbons und mit holländischen Blumenzwiebeln überraschen und halten kann.

Die ständigen Perspektivwechsel und MacLavertys bis dahin anhaltende Freude am Detail tragen dazu bei, das erzählerische Netz eng zu spinnen: Das gibt uns Lesenden Halt und schürt Erwartungen.

Um so mehr bleibt es ein Rätsel, warum der Autor auf den letzten Seiten seine Figuren (und seine Leserinnen und Leser) der Trostlosigkeit entreißen zu können glaubt, indem er eine Volte schlägt. Heftiger Schneefall verzögert den Heimflug nach Schottland. Der Roman könnte innenhalten. Doch er stürzt ab und wird unglaubwürdig. Er endet als Schmonzette. Stella nimmt von einem Gelübde Abschied, Gerry legt ein eigenes ab. Beide scheinen damit zufrieden. Gestern war gestern. A happy ending story also? Nein. Süßliches macht sich auf den allerletzten Seiten breit. Klebrig. Eine Enttäuschung.

 

September 2019

Fundstück: Das Meer

… Auf die Busfahrt freuten sie sich, glaube ich, ein bißchen waren sie auch beunruhigt, weil ich ihnen überhaupt keine Erklärung gegeben hatte. Ich hatte die Regenjacken herausgelegt, weil es am Meer ja oft regnet – so viel zumindest hatte ich verraten: sie würden das Meer sehen. (…) Ein komisches Gefühl war das, die Stadt zu verlassen, abzureisen an einen unbekannten Ort, besonders, weil ja keine Ferien waren, und diese Sache, die ging den Kindern nicht aus dem Schädel, das ist mir schon klar. Wir hatten noch nie Ferien gemacht, waren noch nie über unser Viertel hinausgekommen, und nun war das Leben auf einmal ganz neu, mein Magen krampfte sich zusammen, ich hatte ständig Durst, alles ging mir auf die Nerven, aber ich hab mein Bestes, ja, wirklich mein Bestes getan, damit die Knirpse nichts merkten. Ich wollte, daß wir auf Reisen gehen, ich wollte, daß wir es auch glauben …

(Véronique Olmi, Bord de mer, 2001; dt.: Meeresrand, Verlag Antje Kunstmann 2002)

 

 

September 2019

Leichenfledderer und Geldsäcke: Frankreich zwischen den Kriegen

Pierre Lemaitre war mir bis dahin unbekannt. Sein Roman Die Farben des Feuers (Klett-Cotta 2019) war das erste, Wir sehen uns dort oben (Klett-Cotta 2014, Taschenbuch: btb 2017) das zweite von mir gelesene Buch des französischen Autors. Ich habe die Bücher in dieser Reihenfolge gelesen, was insofern erwähnenswert ist, als die erzählte Geschichte, die sich über beide Romane erstreckt (grober Zeitrahmen: 1918/19 bis Anfang/Mitte der Dreißiger Jahre),  das umgekehrte Vorgehen nahegelegt hätte. Dem Lesevergnügen und dem Lektüreverständnis tat dies keinen Abbruch.

Die Farben des Feuers beginnt mit einem Paukenschlag: Ein Kind stürzt 1927 aus einem Fenster, als der Trauerzug für den Großvater startet. Dieser war ein Mann der Finanzwelt, der sein Imperium der Tochter (der Mutter des schwerverletzten Kindes) überlässt. Madeleine wird folglich umschwärmt, umgarnt, getäuscht, betrogen, er-niedrigt ... und am Ende erweist sie sich als die Schlauere und Stärkere.

Wir lernen viel über Börsenspekulationen, Finanzkapital und Nationalismus, über mör-derische Buchhaltertypen und schreibende Karrieristen und Kinderschänder.

Nur wer Wir sehen uns da oben liest, erfährt, weshalb Madeleines Ex-Ehemann Henri im Gefängnis sitzt. Dieser hatte – so der Roman, der in zentralen Passagen auf  in Frankreich verdrängten historischen Geschehnissen beruht – eine blendende Geschäftsidee, wie man heute sagen würde: Hunderttausende Leichen französischer Soldaten aus Schützengräben, Granattrichtern und Massengräbern einsammeln, wahllos einzeln in Billigsärgen begraben und mit wahllos aus den Totenlisten genommenen Namen versehen. Im Namen der privaten Trauer und der nationalen Erinnerung an den Großen Krieg.

Gleichzeitig rächen sich zwei ehemalige Frontsoldaten, die Henri d'Aulnay-Pradelle bereits im Schützengraben als feigen Vorgesetzten und ehrgeizigen Mörder kennengelernt hatten (diese Passagen erinnern in ihrem brutalen Realismus an Das Feuer von Barbusse), an der ob des Sieges sich selbst belügenden Nation und deren Obrigkeiten. Sie verkaufen auch dem letzten Provinznest – gegen Vorkasse! – Denkmäler vorwärtsstürmender Soldaten und Monumente des gloriosen Sieges. Ware, die niemals geliefert werden wird. Die eine Lüge fliegt auf, die andere zu spät.

Ruhm und Ehre, Profitgier und kriminelle Geschäfte. Auch manches Rätsel, das die eine oder andere Figur umgibt, löst sich nur auf, wenn man nach dem einen auch den anderen Roman liest – egal in welcher Reihenfolge.

Die Romane sind spannend, wahrhaftig, ja auch amüsant. Denn wie Lemaitre diese packende(n) Geschichte(n) erzählt, erinnert in seiner Leichtigkeit an Filme, von denen es heißt: Das kann nur französisches Kino sein.

 

September 2019

Fundstück: Negermusik

 … Vielleicht hätte er sich von vornherein nicht mit Negern einlassen sollen. Es bescherte ihm eine merkwürdige Sicht der Dinge, und die wurde er nicht mehr los. Ein Faible für undisziplinierten Ausdruck, eine direkte, leidenschaftliche Herangehensweise, eine lautstarke Ungezwungenheit, die ihn in seinem späteren Umgang mit Menschen seiner eigenen Rasse letztlich nicht von Nutzen war, mit jenen, die von der Zivilisation zurechtgestutzt worden sind, sich beherrschen können und das spielen, was auf dem Blatt steht. Aber was er hätte tun oder nicht tun sollen, ist jetzt nicht mehr von Bedeutung. …

(Dorothy Baker, Young Man with a Horn, 1938; dt.: Ich mag mich irren, aber ich finde dich fabelhaft, dtv 2017)

 

September 2019

Unbekannt: Italiener in Abessinien

Alle, außer mir, der 2018 bei Wagenbach erschienene Roman von Francesca Melandri, ist  ein schönes und dazu ein lehrreiches Buch. Nicht, weil es von einem äthiopischen Flüchtling und dessen Ankunft im Rom unserer Tage erzählt, sondern weil und wie es dessen Gegenüber – die 46jährige Ilaria und deren Geschwister – mit der Vergangenheit der Väter und des Landes konfrontiert.

Den langen Weg, die Angst und Not, den  armseligen Empfang und das Verstecken im anderen Land kennen wir mittlerweile aus einigen guten Romanen über Flüchtlinge und Geflüchtete. Dieser ist anders. Melandris Konfrontation des Flüchtlings mit Ilaria stürzt diese in Verwirrung. Und zwingt die Römerin, auf die Suche zu gehen. Uns, den Lesenden, ermöglicht die Begegnung den Sprung zurück in die Geschichte Italiens. In die den meisten von uns unbekannten 30er, 40er und 50er Jahre, die auch Jahre des Kolonialismus und Postkolonialismus waren, und in denen viele Italiener – egal ob  Offizier, Beamter, Ingenieur oder Arbeiter – ihr Glück in Abessinien, dem heutigen Äthiopien und Eritrea, suchten, teils fanden und auch wieder verloren. Mit der Macht der Gewalt, mit heimlicher oder offener Liebe. Mit Fleiß und Betrug. Und wir lernen fast beiläufig viel über die vierzig oder fünfzig Jahre danach, als die Italiener dort nicht mehr die Herren waren, aber manche dort blieben und viele erneut  zurückkehrten. Sie wurden alt und viele wollten am Ende in Afrika begraben werden. Geradlinige und kurvenreiche Biografien, die Melandris Hauptfiguren aus Briefen, Fotos, Erzähltem, Vermutetem, geheimen Notizen und amtlichen Dokumenten zusammenfügen.

Ja, nicht nur Mussolini und seine Statthalter, auch Berlusconi der Ältere und Gaddafi der Tote werden uns von Francesca Melandri so vorgeführt, wie wir sie aus den Nachrichten nicht kennen. Und plötzlich begreifen wir so manchen Deal, der im Fernsehen mit aktuellen Bildern von libyschen Zeltlagern, den Überbleibseln gesunkener Boote und von strandenden Flüchtlingen illustriert wird, auch denen aus Äthiopien oder Eritrea.

Aber wir wussten ja bisher auch nicht von den Wohnungen, die der weitsichtige Vater vor zig Jahren im uralten Viertel Esquilin rund um Roma Termini gekauft hat. Vor einer dieser heute sehr begehrten Wohnungen sitzt Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti auf der Treppe und begrüßt die Tochter Attilio Profetis mit den Worten: "... dann bist du meine Tante".

 

September 2019

 Fundstück: Ägypterinnen

... Ich könnte mir vorstellen, dass das Wort 'Ägypten' vor Ihrem geistigen Auge die Szene eines Fellachen erstehen lässt, der sich in der Abenddämmerung nach Hause schleppt, einen Spaten über der Schulter, während sein Sohn eine Kuh hinter sich herzieht. Tja, Ägypten ist ein Ort, an dem angejahrte Menschen Krocket spielen. Ich weiß nicht, warum Krocket plötzlich solchen Eindruck auf mich machte. Ich bin tausendmal an diesem Rasen vorbeigekommern, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden. Ich drehte mich um, setzte mich auf eine Bank und sah den Krocketspielern zu. Unter ihnen war jene Mimi, die meine Mutter vorhin erwähnt hatte. Unsere jungen Mimis und Tatas und Sousous werden alle erwachsen, heiraten und bekommen Kinder, auch ihre Kinder bekommen Kinder, aber immer noch sind sie die kleinen Mimis und Tatas und Sousous. Diese Mimi ist groß, hat Plattfüße und geht wie ein Kamel. (...) Zusammen mit den Tatas, den Sousous und meiner Mutter hat sie das französische pensionnat besucht. Zusammen mit den Chauffeuren habe ich als Junge meine Cousinen immer genau aus diesem pensionnat abgeholt. Das Institut war sehr streng, und man musste die Geheimnummer des Mädchens in ein kleines Loch flüstern, bevor die Tür – widerstrebend, wie ich fand – einen Spaltbreit geöffnet wurde, eine blasse Gestalt in einem schwarzen Kleid auftauchte und anfing, sich zu schminken, noch bevor sie den Wagen erreicht hatte ...

(aus: Waguih Ghali, Beer in the Snooker Club, 1964; deutsch: Snooker in Kairo, Verlag C.H.Beck, 2018)

 

September 2019

Mal etwas Kurzes

Nach den beiden Romanen (Wolkenschieber oder Drei Sommer am Cap, 2018, und: Das andere Land oder Siesta am Kanakenbunker, 2019) versuche ich mich in den kommenden Monaten an kürzeren Geschichten. Zum einen habe ich einige von mir bereits vor gut zwanzig Jahren geschriebene Texte wiederentdeckt – und ich finde diese gut, ja zum Teil erstaunlich schräg und amüsant. Zum anderen tausche ich mich regelmäßig mit einem Ex-Kollegen über das Schreiben aus. Dessen äußerst kurze, an Comics erinnernde Szenen faszinieren.

Die  Vorteile und Herausforderungen der jeweiligen Form am konkreten Werk zu diskutieren, ist lehrreich.  Zum Beispiel die Frage, ob und wie die äußere Form die innere Erzählung zusammenhält, oder die, welche Idee oder Szene unbedingt ein vorher oder nachher benötigt – ausgesprochen oder nicht. Welche Fantasie setzen die unterschiedlich geformten Texte frei? Bin gespannt.

 

September 2019

Wiederentdeckt: Iren überall

Beiläufig und nie in großen Worten, leise und manchmal auch mittels Auslassung erzählt William Trevor von einem Ur-Thema seines Landes und seiner Landsleute. Von dem Exodus, der Irland immer wieder erfasst hat. Aufgrund der Armut der Vielen und der Zukunftslosigkeit der Einzelnen. Wer wegging war weg, für immer und dann doch nicht. Dabei ist es egal, ob das bessere Leben in Dublin, in England, gar in London oder irgendwo jenseits des großen Teichs gesucht wurde. Die Scheidung war da. Die von hier und dort, von drinnen und draußen. Dass der Katholizismus und das Keltische, das Heimweh und die leeren Taschen, die ewige Liebe und die Entdeckung des Neuen immer wieder auf sehr verschiedene Weise im Widerstreit liegen, macht die erneute Lektüre der mehr als vierzig Erzählungen in diesem Band – Ein Traum von Schmetterlingen (Hoffmann und Campe, 2015)  – zu einer wunderbaren Erfahrung.