Oktober 2019

Werkstatt: Wenn Figuren laufen lernen

Dora, die zweite Frau und vierte Hauptfigur im "Wolkenschieber"-Roman, ist nicht nur einfach in die Handlung hineingeplatzt, sondern war mir zwischenzeitlich davongelaufen. Ihr Ehrgeiz und ihre Willensstärke waren schwer zu bändigen. Um sie nicht ganz zu verlieren, musste ihre späte Liebe, die ihr viel Sicherheit und Ruhe gegeben hätte, tödlich verunglücken. Nur so konnte die Figur Dora die alte bleiben ... voller Selbstbewusstsein, Schroffheit und prallen Attraktivität. Sie sucht. Zum ihrem und meinem Glück trifft sie Franky, den schmächtigen, redseligen Ossi, der mehr kann als es scheint, und der ihr Spaß macht. Doras größter Vorzug: Sie ist eine gute Freundin. 

 

Dezember 2019

Vorankündigung: Textanfänge

Die Arbeit an den kürzeren Texten, die ich im September angekündigt hatte, ist fortgeschritten, weit fortgeschritten. Es werden wohl insgesamt neun Erzählungen sein (darunter auch die vom Guimiliau-Besuch inspirierten), die in einem Band im kommenden Frühjahr veröffentlicht werden sollen. Um die neugierigen Besucherinnen und Besucher dieser Website noch etwas auf die Folter zu spannen, folgen hier die jeweils ersten Sätze der neun Geschichten.

Camille, seines Zeichens Oberkellner im Castel du Sphinx, freute sich, als die beiden älteren Herrschaften zum ersten Mal ein Wort wechselten. Vor vierzig Jahren hatte er zum ersten Mal das kleine Haus betreten – und zum letzten Mal. Als sie begann, sich in ihrer eigenen kleinen Welt einzurichten, hatte sie die Schläge längst vergessen. Endlich den Dreh gefunden und an den Schreibtisch gesetzt. Alenka war freundlich, hilfsbereit und fleißig. Das knisternde Kaminfeuer entwickelte eine Hitze, die, kam man von draußen, den Eintretenden wohlig umschloss, aber dem, der sich länger als zehn Minuten in der Nähe der glühenden Holzscheite aufhielt, doch ein eher unangenehmes Prickeln auf der Haut bescherte. Die Maschine würde vermutlich nur zur Hälfte besetzt sein. Das Klingeln durchschnitt die Stille. Er hatte sich nun doch für ein E-Bike entschieden.

 

 

November 2019

Fundstück: Ich und ich

… Beim geringsten Fehler stellte mich Hanna an die Wand, fesselte mich mit Bandwurmsätzen und schoss mir eine Salve Fremdwörter um die Ohren. Je wortkarger ich wurde, desto mehr raste mein Hirn. (…) Ich wusste genau, was sie beruhigte, was sie zum Lachen brachte und was sie explodieren ließ. Um mit Hanna leben zu können – und das wollte ich unbedingt –, brauchte ich ein zweites Ich, das ich ihr zu hundert Prozent vorenthielt. Ich brauchte Verstärkung, ein Außen-Ich für Hanna und ein streng geheimes Innen-Ich ganz allein für mich …

(Joachim Meyerhoff, Die Zweisamkeit der Einzelgänger, Kiepenheuer & Witsch 2017)

 

September 2019

Eine Herausforderung: Kinderstimmen

Sex, Geschlechtsverkehr, Beischlaf. Auf der Seite der Kritik wie auf der der Schriftstellerei gibt es zahlreiche Autoren, die sagen: Das Ausleben und Genießen von Sexualität sei eines der schwierigsten, wenn nicht das schwierigste Sujet des Erzählens. In meinen Augen liegt damit gleichauf: Kindern eine authentische, glaubwürdige, den Figuren angemessene Stimme zu geben.

Ein sehr krasses Beispiel dafür, wie dies misslingen kann, findet sich bei Juli Zeh, Neujahr (Luchterhand 2018). Nahezu der gesamte zweite Teil des Romans, dessen Hauptfigur Henning im ersten Teil dem beruflichen, ehelichen, familiären und Lebensfrust durch eine ihn sehr anstrengende Radtour auf Lanzarote entkommen will, erzählt von Henning als Kind. Und soll von einem dreißig Jahre zurückliegenden traumatischen Erlebnis des vierjährigen Jungen und dessen noch jüngerer Schwester berichten. Wo andere Kritiker genau auf diesen Seiten einen Psychothriller erkennen (und hoch loben), lese ich nur unendlich viele und gekünstelte Dialoge zwischen zwei Kindern. Ein Klugscheißer und ein Mädchen mit voll geschissenen Windeln. Banal, beliebig erweiterbar oder kürzbar. Der vergleichsweise kurze dritte Teil, das sei nur der Ordnung halber erwähnt – Henning ist „wieder“ erwachsen –, will dann die beiden ersten „zusammenbringen“. Folglich sind die letzten Seiten voller Küchenpsychologie. Ein misslungenes Werk.

Lesenswerter ist Der Sommer meiner Mutter von Ulrich Woelk (C.H.Beck 2019). Die erzählte Geschichte – im Mittelpunkt steht der Sommer 1969 – ist amüsant, auch spannend, und hat ihre Details und Abschweifungen weitgehend im Griff. Tobias, Hauptfigur und Ich-Erzähler, ist elf Jahre alt, regelrecht gefesselt von der bevorstehenden Mondlandung und macht in diesen Wochen erste sexuelle Erfahrungen mit einem gerade zugezogenen, zwei Jahre älteren Mädchen aus der Nachbarschaft. Hier liegt die Krux. Sagen wir es so: Quartanerinnen haben nix mit Sextanern, nie, nirgendwo, niemals. Woelk überfordert seine Hauptfigur. Handlung und Sprache, der Blick auf die Dreizehnjährige, auf Rosas Eltern und deren unkonventionelle Eigenheiten (1969!) und der verstörte Blick auf die eigene Mutter, um deren radikalen Sommer es ja am bitteren Ende geht, sind nicht stimmig. Man hätte Tobias gewünscht, dass er sich nicht zu allem und jedem druckfähig äußern muss.

Dreizehn Jahre alt ist auch Arminuta, die titelgebende Hauptfigur im 2018 bei Antje Kunstmann verlegten Roman von Donatella di Pietrantonio. Die (rückblickende) Geschichte des als Kleinkind an nahe Verwandte abgegebenen und nun wieder zwangsweise vom Meer in die Berge zurückgeschickten Mädchens wird lakonisch erzählt, von Arminuta selbst. Voller Härte und Schroffheit, voller Zärtlichkeit und stiller Zuneigung ist der Alltag in dem Abruzzendorf, aber auch der ärmliche Alltag in der vielköpfigen Familie. Arminuta, „die Zurückgekommene“, erzählt in spröden Worten, bewegt, verletzt, untröstlich, verständnisheischend, offenherzig und liebevoll. Sie erzählt, sie tut, sie erlebt und lebt. Das passt zusammen. Die Realität fordert viel von dem Mädchen, die Autorin überfordert sie nicht.

 

Oktober 2019

Parforceritt: Die postsowjetischen Neunziger

Wer sich zwei, drei Jahrzehnte nach dem Zerfall der Sowjetunion kundig machen will, wie diese Erosion im Kohlerevier, in Stahlwerken und Hafenbetrieben, in Moskauer Etagenwohnungen und Interhotels, in exklusiven Nachtclubs und auf gottverlassenen Provinzflughäfen, von einem KGBler, auf Oligarchen-Datschen und Intelligenzija-Partys, in In-Lokalen oder (vor allem!) in der Umarmung von attraktiven, geilen und klugen Russinnen vonstatten gegangen sein kann, der wird hier fündig. Der im vergangenen Jahr von Norris von Schirach als Arthur Isarin veröffentlichte Roman Blasse Helden (Knaus 2018) liefert einen Parforceritt durch die neunziger Jahre, in denen gesellschaftlicher Reichtum verhökert wurde und in schmutzige Hände fiel. Korruption und Gewalt und schier unbändiger Egoismus trieben bis dahin unvorstellbare Blüten und hinterließen tote oder lebendige Leichen.

Der Autor hat den Vorteil, diesen postsowjetischen Teufelsritt der ungeregelten und enthemmten Kapitalisierung nacherzählen zu können. Er weiß um den Verlauf und das Ergebnis dieser mittlerweile gut zwanzig Jahre zurückliegenden Periode. Er kennt deren auch heute noch aktuellen Nebenwirkungen. Manche Kritiker sagen, er liefere mit seinem Roman einen Steilpass für das dann folgende System Putin.

Von Schirach/Isarin muss nichts erklären. Der Autor bzw. seine Hauptfigur Anton – ein vom Westen frustrierter und vom Russischen angezogener Deutscher, in den Dreißigern, ohne Moral, blass und getrieben – kann Anekdote an Anekdote reihen und immer wieder Klischees bedienen. Ein bunter Reigen von kriminellen Geschäften, Besäufnissen und Melancholie. Gogol wird mehrmals bemüht und endlich mal wieder an Oblomow auf der Ofenbank erinnert. Doch vieles ist beliebig, das meiste vorhersehbar. Der Roman birgt kein Rätsel und keine Überraschung, literarisch eher Dutzendware. Er erzählt auf amüsante Weise und im gestreckten Galopp vom Untergang eines überlebten Systems.

 

November 2019

Fundstück: Buch oder Bett

… Die Bibliothek in Upleigh war der in Beechwood erstaunlich ähnlich. Es gab dieselbe Wand von Büchern, die alle so aussahen, als seien sie nie gelesen worden. (…) Falls Paul Sheringham die Bücher gelesen hatte, so hatte er das nie erwähnt. Er schien der Überzeugung, dass es an der Zeit war, in Upleigh allerlei auszumustern. Die Pferde waren schließlich auch weg. Und als sie ihm von ihrer Lektüre in Beechwood erzählt hatte (später wünschte sie, das hätte sie nie getan), hatte er gehöhnt, wie er über so vieles höhnte, und gesagt: „Diesen ganzen Plunder, Jay? Du liest dieses Zeug?“ Eine Erinnerung, dass ihre Beziehung im Wesentlichen körperlicher Art war und ins Hier und Jetzt gehörte, dass ein Gefasel über Bücher keinen Platz darin hatte …

 (Graham Swift, Mothering Sunday, 2016; dt.: Ein Festtag, dtv 2017)

 

September 2019

Inspiration in Guimilau

Ich zähle mich eher zu der schreibenden Spezies, die einen Plan hat und die relativ früh eine Vorstellung von der Struktur der Geschichte sowie deren Äußerem entwickelt. Und diese sind manchmal schwerer umzustoßen als der Verlauf der Geschichte selbst. Ich gehöre auch eher zu denen, die sagen: Spontane Idee? Ja. Inspiration? Nö. Bis jetzt.In meinen diesjährigen bretonischen Sommerferien habe ich - kundig begleitet und geleitet –  Guimiliau besucht. Eine Artischocken-Mahlzeit, der eindrucksvolle Calvaire und eine persönliche Anektode, erzählt von meinem Guide, waren offenbar derart inspirierend, dass ich in den folgenden zwei Wochen drei Kurzgeschichten geschrieben habe. Diese haben weder die Mahlzeit noch das Kulturdenkmal oder das vergebliche Erinnern eines Mannes zum Thema. Aber ohne die Anstöße dieses Mittags würde es die Geschichten nicht geben.    

 

September 2019

Enttäuschendes Ende: Eine erbröselte Ehe

Der Roman beginnt grandios. Auf wenigen Seiten zeichnet Bernard MacLaverty das Bild eines müden Paares und dessen mit den Jahren zerbröselten Ehe. Bevor die „eigentliche Geschichte“– die des winterlichen Kurztrips nach Amsterdam – erzählt wird, wissen wir, dass die Ruheständler Gerry und Stella sich nichts mehr zu sagen haben und auch von ihrem Gegenüber nicht mehr erwarten. Die minutiöse Beschreibung abendlicher Rituale und der letzten Reisevorbereitungen erzählt fast zwei ganze Leben. Auch auf amüsante Weise.

Die ehemalige Lehrerin genießt die Stunde, in der sie das Schlafzimmer noch alleine hat, zumal zu dieser Jahreszeit, mit Bettflasche. Gerry, als Architekt nicht in dem Ausmaß erfolgreich wie erträumt, hört Musik und genießt seinen Schlaftrunk. Was für Stella der Glaube, ist für Gerry der Whiskey. Beide kommen davon nicht los. Beide frösteln und witzeln, um dem ernsthaften Disput zu entgehen.

Die wenigen Tage in Amsterdam nehmen die folgenden 250 Seiten des Romans Schnee in Amsterdam (C.H.Beck 2018) ein. Der Besuch des Anne-Frank-Hauses, Spaziergänge entlang der Grachten, unspektakuläre Lokalbesuche. Beiläufiges zu beschreiben, darin besteht MacLavertys Meisterschaft. Der Aufenthalt besteht aus Routine, die unterbrochen wird durch Stellas einsame, auch frühmorgendliche Streifzüge durch die Stadt und durch Gerrys durchsichtige Anstrengungen, den erhöhten Whiskeykonsum und das Beschaffen von Nachschub zu kaschieren. Trostlos, beklemmend.

 Stella, die bereits einmal vor zig Jahren Amsterdam besucht hat, sucht und findet den Beginenhof. Ihr Entschluss, sich dem „Frauenorden“ anzuschließen, war ihr eigentliches Motiv für den Trip. Was die gläubige Katholikin, die mit ihrem ebenfalls irischen Ehemann seit vielen Jahren in Glasgow lebt, dazu bewegt hat, soll hier nicht verraten werden. Schließlich ist es „der Kern“ der Geschichte, vor allem des Parts, den Stella spielt. Gerry ist in dieser Hinsicht nahezu Beiwerk. Er scheint bis zum Schluss zu glauben, dass er seine Frau schon alleine mit deren Lieblingsbonbons und mit holländischen Blumenzwiebeln überraschen und halten kann.

Die ständigen Perspektivwechsel und MacLavertys bis dahin anhaltende Freude am Detail tragen dazu bei, das erzählerische Netz eng zu spinnen: Das gibt uns Lesenden Halt und schürt Erwartungen.

Um so mehr bleibt es ein Rätsel, warum der Autor auf den letzten Seiten seine Figuren (und seine Leserinnen und Leser) der Trostlosigkeit entreißen zu können glaubt, indem er eine Volte schlägt. Heftiger Schneefall verzögert den Heimflug nach Schottland. Der Roman könnte innenhalten. Doch er stürzt ab und wird unglaubwürdig. Er endet als Schmonzette. Stella nimmt von einem Gelübde Abschied, Gerry legt ein eigenes ab. Beide scheinen damit zufrieden. Gestern war gestern. A happy ending story also? Nein. Süßliches macht sich auf den allerletzten Seiten breit. Klebrig. Eine Enttäuschung.

 

September 2019

Fundstück: Das Meer

… Auf die Busfahrt freuten sie sich, glaube ich, ein bißchen waren sie auch beunruhigt, weil ich ihnen überhaupt keine Erklärung gegeben hatte. Ich hatte die Regenjacken herausgelegt, weil es am Meer ja oft regnet – so viel zumindest hatte ich verraten: sie würden das Meer sehen. (…) Ein komisches Gefühl war das, die Stadt zu verlassen, abzureisen an einen unbekannten Ort, besonders, weil ja keine Ferien waren, und diese Sache, die ging den Kindern nicht aus dem Schädel, das ist mir schon klar. Wir hatten noch nie Ferien gemacht, waren noch nie über unser Viertel hinausgekommen, und nun war das Leben auf einmal ganz neu, mein Magen krampfte sich zusammen, ich hatte ständig Durst, alles ging mir auf die Nerven, aber ich hab mein Bestes, ja, wirklich mein Bestes getan, damit die Knirpse nichts merkten. Ich wollte, daß wir auf Reisen gehen, ich wollte, daß wir es auch glauben …

(Véronique Olmi, Bord de mer, 2001; dt.: Meeresrand, Verlag Antje Kunstmann 2002)

 

 

September 2019

Leichenfledderer und Geldsäcke: Frankreich zwischen den Kriegen

Pierre Lemaitre war mir bis dahin unbekannt. Sein Roman Die Farben des Feuers (Klett-Cotta 2019) war das erste, Wir sehen uns dort oben (Klett-Cotta 2014, Taschenbuch: btb 2017) das zweite von mir gelesene Buch des französischen Autors. Ich habe die Bücher in dieser Reihenfolge gelesen, was insofern erwähnenswert ist, als die erzählte Geschichte, die sich über beide Romane erstreckt (grober Zeitrahmen: 1918/19 bis Anfang/Mitte der Dreißiger Jahre),  das umgekehrte Vorgehen nahegelegt hätte. Dem Lesevergnügen und dem Lektüreverständnis tat dies keinen Abbruch.

Die Farben des Feuers beginnt mit einem Paukenschlag: Ein Kind stürzt 1927 aus einem Fenster, als der Trauerzug für den Großvater startet. Dieser war ein Mann der Finanzwelt, der sein Imperium der Tochter (der Mutter des schwerverletzten Kindes) überlässt. Madeleine wird folglich umschwärmt, umgarnt, getäuscht, betrogen, er-niedrigt ... und am Ende erweist sie sich als die Schlauere und Stärkere.

Wir lernen viel über Börsenspekulationen, Finanzkapital und Nationalismus, über mör-derische Buchhaltertypen und schreibende Karrieristen und Kinderschänder.

Nur wer Wir sehen uns da oben liest, erfährt, weshalb Madeleines Ex-Ehemann Henri im Gefängnis sitzt. Dieser hatte – so der Roman, der in zentralen Passagen auf  in Frankreich verdrängten historischen Geschehnissen beruht – eine blendende Geschäftsidee, wie man heute sagen würde: Hunderttausende Leichen französischer Soldaten aus Schützengräben, Granattrichtern und Massengräbern einsammeln, wahllos einzeln in Billigsärgen begraben und mit wahllos aus den Totenlisten genommenen Namen versehen. Im Namen der privaten Trauer und der nationalen Erinnerung an den Großen Krieg.

Gleichzeitig rächen sich zwei ehemalige Frontsoldaten, die Henri d'Aulnay-Pradelle bereits im Schützengraben als feigen Vorgesetzten und ehrgeizigen Mörder kennengelernt hatten (diese Passagen erinnern in ihrem brutalen Realismus an Das Feuer von Barbusse), an der ob des Sieges sich selbst belügenden Nation und deren Obrigkeiten. Sie verkaufen auch dem letzten Provinznest – gegen Vorkasse! – Denkmäler vorwärtsstürmender Soldaten und Monumente des gloriosen Sieges. Ware, die niemals geliefert werden wird. Die eine Lüge fliegt auf, die andere zu spät.

Ruhm und Ehre, Profitgier und kriminelle Geschäfte. Auch manches Rätsel, das die eine oder andere Figur umgibt, löst sich nur auf, wenn man nach dem einen auch den anderen Roman liest – egal in welcher Reihenfolge.

Die Romane sind spannend, wahrhaftig, ja auch amüsant. Denn wie Lemaitre diese packende(n) Geschichte(n) erzählt, erinnert in seiner Leichtigkeit an Filme, von denen es heißt: Das kann nur französisches Kino sein.

 

September 2019

Fundstück: Negermusik

 … Vielleicht hätte er sich von vornherein nicht mit Negern einlassen sollen. Es bescherte ihm eine merkwürdige Sicht der Dinge, und die wurde er nicht mehr los. Ein Faible für undisziplinierten Ausdruck, eine direkte, leidenschaftliche Herangehensweise, eine lautstarke Ungezwungenheit, die ihn in seinem späteren Umgang mit Menschen seiner eigenen Rasse letztlich nicht von Nutzen war, mit jenen, die von der Zivilisation zurechtgestutzt worden sind, sich beherrschen können und das spielen, was auf dem Blatt steht. Aber was er hätte tun oder nicht tun sollen, ist jetzt nicht mehr von Bedeutung. …

(Dorothy Baker, Young Man with a Horn, 1938; dt.: Ich mag mich irren, aber ich finde dich fabelhaft, dtv 2017)

 

September 2019

Unbekannt: Italiener in Abessinien

Alle, außer mir, der 2018 bei Wagenbach erschienene Roman von Francesca Melandri, ist  ein schönes und dazu ein lehrreiches Buch. Nicht, weil es von einem äthiopischen Flüchtling und dessen Ankunft im Rom unserer Tage erzählt, sondern weil und wie es dessen Gegenüber – die 46jährige Ilaria und deren Geschwister – mit der Vergangenheit der Väter und des Landes konfrontiert.

Den langen Weg, die Angst und Not, den  armseligen Empfang und das Verstecken im anderen Land kennen wir mittlerweile aus einigen guten Romanen über Flüchtlinge und Geflüchtete. Dieser ist anders. Melandris Konfrontation des Flüchtlings mit Ilaria stürzt diese in Verwirrung. Und zwingt die Römerin, auf die Suche zu gehen. Uns, den Lesenden, ermöglicht die Begegnung den Sprung zurück in die Geschichte Italiens. In die den meisten von uns unbekannten 30er, 40er und 50er Jahre, die auch Jahre des Kolonialismus und Postkolonialismus waren, und in denen viele Italiener – egal ob  Offizier, Beamter, Ingenieur oder Arbeiter – ihr Glück in Abessinien, dem heutigen Äthiopien und Eritrea, suchten, teils fanden und auch wieder verloren. Mit der Macht der Gewalt, mit heimlicher oder offener Liebe. Mit Fleiß und Betrug. Und wir lernen fast beiläufig viel über die vierzig oder fünfzig Jahre danach, als die Italiener dort nicht mehr die Herren waren, aber manche dort blieben und viele erneut  zurückkehrten. Sie wurden alt und viele wollten am Ende in Afrika begraben werden. Geradlinige und kurvenreiche Biografien, die Melandris Hauptfiguren aus Briefen, Fotos, Erzähltem, Vermutetem, geheimen Notizen und amtlichen Dokumenten zusammenfügen.

Ja, nicht nur Mussolini und seine Statthalter, auch Berlusconi der Ältere und Gaddafi der Tote werden uns von Francesca Melandri so vorgeführt, wie wir sie aus den Nachrichten nicht kennen. Und plötzlich begreifen wir so manchen Deal, der im Fernsehen mit aktuellen Bildern von libyschen Zeltlagern, den Überbleibseln gesunkener Boote und von strandenden Flüchtlingen illustriert wird, auch denen aus Äthiopien oder Eritrea.

Aber wir wussten ja bisher auch nicht von den Wohnungen, die der weitsichtige Vater vor zig Jahren im uralten Viertel Esquilin rund um Roma Termini gekauft hat. Vor einer dieser heute sehr begehrten Wohnungen sitzt Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti auf der Treppe und begrüßt die Tochter Attilio Profetis mit den Worten: "... dann bist du meine Tante".

 

September 2019

 Fundstück: Ägypterinnen

... Ich könnte mir vorstellen, dass das Wort 'Ägypten' vor Ihrem geistigen Auge die Szene eines Fellachen erstehen lässt, der sich in der Abenddämmerung nach Hause schleppt, einen Spaten über der Schulter, während sein Sohn eine Kuh hinter sich herzieht. Tja, Ägypten ist ein Ort, an dem angejahrte Menschen Krocket spielen. Ich weiß nicht, warum Krocket plötzlich solchen Eindruck auf mich machte. Ich bin tausendmal an diesem Rasen vorbeigekommern, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden. Ich drehte mich um, setzte mich auf eine Bank und sah den Krocketspielern zu. Unter ihnen war jene Mimi, die meine Mutter vorhin erwähnt hatte. Unsere jungen Mimis und Tatas und Sousous werden alle erwachsen, heiraten und bekommen Kinder, auch ihre Kinder bekommen Kinder, aber immer noch sind sie die kleinen Mimis und Tatas und Sousous. Diese Mimi ist groß, hat Plattfüße und geht wie ein Kamel. (...) Zusammen mit den Tatas, den Sousous und meiner Mutter hat sie das französische pensionnat besucht. Zusammen mit den Chauffeuren habe ich als Junge meine Cousinen immer genau aus diesem pensionnat abgeholt. Das Institut war sehr streng, und man musste die Geheimnummer des Mädchens in ein kleines Loch flüstern, bevor die Tür – widerstrebend, wie ich fand – einen Spaltbreit geöffnet wurde, eine blasse Gestalt in einem schwarzen Kleid auftauchte und anfing, sich zu schminken, noch bevor sie den Wagen erreicht hatte ...

(aus: Waguih Ghali, Beer in the Snooker Club, 1964; deutsch: Snooker in Kairo, Verlag C.H.Beck, 2018)

 

September 2019

Mal etwas Kurzes

Nach den beiden Romanen (Wolkenschieber oder Drei Sommer am Cap, 2018, und: Das andere Land oder Siesta am Kanakenbunker, 2019) versuche ich mich in den kommenden Monaten an kürzeren Geschichten. Zum einen habe ich einige von mir bereits vor gut zwanzig Jahren geschriebene Texte wiederentdeckt – und ich finde diese gut, ja zum Teil erstaunlich schräg und amüsant. Zum anderen tausche ich mich regelmäßig mit einem Ex-Kollegen über das Schreiben aus. Dessen äußerst kurze, an Comics erinnernde Szenen faszinieren.

Die  Vorteile und Herausforderungen der jeweiligen Form am konkreten Werk zu diskutieren, ist lehrreich.  Zum Beispiel die Frage, ob und wie die äußere Form die innere Erzählung zusammenhält, oder die, welche Idee oder Szene unbedingt ein vorher oder nachher benötigt – ausgesprochen oder nicht. Welche Fantasie setzen die unterschiedlich geformten Texte frei? Bin gespannt.

 

September 2019

Wiederentdeckt: Iren überall

Beiläufig und nie in großen Worten, leise und manchmal auch mittels Auslassung erzählt William Trevor von einem Ur-Thema seines Landes und seiner Landsleute. Von dem Exodus, der Irland immer wieder erfasst hat. Aufgrund der Armut der Vielen und der Zukunftslosigkeit der Einzelnen. Wer wegging war weg, für immer und dann doch nicht. Dabei ist es egal, ob das bessere Leben in Dublin, in England, gar in London oder irgendwo jenseits des großen Teichs gesucht wurde. Die Scheidung war da. Die von hier und dort, von drinnen und draußen. Dass der Katholizismus und das Keltische, das Heimweh und die leeren Taschen, die ewige Liebe und die Entdeckung des Neuen immer wieder auf sehr verschiedene Weise im Widerstreit liegen, macht die erneute Lektüre der mehr als vierzig Erzählungen in diesem Band – Ein Traum von Schmetterlingen (Hoffmann und Campe, 2015)  – zu einer wunderbaren Erfahrung.